Warum wir nicht scheitern können
Jetzt, wo die 2000 Euro für das Fortleben der Rubrik „6 vor 9“ eingesammelt wurden, wage ich zu behaupten, dass wir mit dieser Mission gar nicht scheitern konnten. Nicht weil 2000 Euro so wahnsinnig wenig Geld ist, im Gegenteil: In diesen Zeiten ist das ein durchaus stolzer Betrag. Aber es ist eben kein Zufall, dass medienlese bereitwillige Spender fand.
Derzeit diskutieren Verlage, ob das Modell Paid Content zukunftsfähig ist, oder nicht. Ich wage zu behaupten: Nur die wenigsten Publikationen werden Nutzer finden, die bereit sind, für die Online-Nutzung zu zahlen. Nicht aufgrund fehlender Qualität, die wird in den meisten Fällen vorhanden sein. Aber wir dürfen eins nicht vergessen: Zeitungen waren linear und standen ausschließlich für Qualität. Blogs hingegen sind qualitativ gar nicht so hochwertig (bis auf einige Ausnahmen), dafür aber meinen wir die Macher zu kennen. Wir Leser sind keine Leser mehr, sondern können durch Kommentare Teil des Produkts werden. Aus Konsumenten werden Prosumenten werden Fans.
Und genau wie wir für das Konzert unseres Lieblingsmusikers 50 Euro in die Hand nehmen, sind wir auch bereit Ronnie Grob weiter an „6 vor 9“ zu fesseln. Ich wage zu behaupten, dass es noch ein paar andere Blogger da draußen gibt, die ebenso schnell 2000 Euro zusammenbekommen würden: Stefan Niggemeier, Martin Weigert, Robert Basic, Kai Müller, die Mädels von Les Mads, Caschy und so weiter. Sie sind greifbar, fühlbar, sie selbst sind das Blog und somit eine Marke, für die Einige bereit wären, in die Tasche zu greifen.
Dem einzigen professionellen Medium, bei dem ich zumindest für eine Rubrik glauben würde, das das Paid-Content-Modell funktionieren würde, wäre das Handelsblatt mit Indiskretion Ehrensache. In Zukunft irgendwann auch der FAZ und „Netzökonom“.
Es ist für große Konzerne extrem gefährlich, wenn Mitarbeiter sich derart in den Vordergrund stellen, dass sie selbst zur Marke werden. Auf der anderen Seite werden sie dadurch auch zu den prominentesten Botschaftern für die Konzerne. Erst wenn die Verlage uns ihre Mitarbeiter kennen lernen lassen, werden wir bereit sein, für ihre Inhalte zu zahlen, weil wir dann das Gefühl haben, konkrete Menschen und nicht abstrakte Gebilde zu finanzieren.
Die Rettung von medienlese ist zumindest zum Teil gelungen. Wie und ob es über Oktober hinausgeht, liegt nun wieder in den Händen der Blogwerk AG. Ich drücke ihr die Daumen, dass es ihr auch über diesen Zeitraum gelingen möge, ein Kleinod zu erhalten und damit profitabel zu arbeiten.
Ich möchte mich bei allen Unterstützern bedanken, die gespendet haben. Und natürlich auch bei denen, die nicht gespendet haben, aber das Ganze kommuniziert haben. Und selbstverständlich bei betterplace, das uns ein Podium für die Spendenaktion geboten hat.
Heute nacht werde ich sehr zufrieden einschlafen. Nicht aus Genugtuung, sondern mit dem Wissen, dass wir, die kleinen Leute im Internet, etwas bewirken können. Wir haben die Welt nicht verändert, aber wir haben für etwas gekämpft, das uns wichtig ist. Vor ein paar Jahren wäre das so nicht möglich gewesen. Trotz der Krise sind das doch wundervolle Zeiten, in denen wir leben.
Tags: betterplace, indiskretion ehrensache, kai müller, les mads, martin weigert, medienlese, netzökonom, niggemeier, robert basic, spenden, stefan, stylespion

Schönes Stück mit einigen sehr schönen Wahrheiten. Aber hätte das Wort “Kleinod” wirklich sein müssen?
Glückwunsch.
Absolut richtig!
sehr geil..um das mal salopp auszudrücken….
Ich möchte mich bei allen Spendern und Hinweisgebern auf die Spendenaktion bedanken, speziell aber bei Sachar, dem Initiator der Aktion. Für mich war keineswegs klar, dass sowas zustande kommt, ehrlich gesagt habe ich eher nicht daran geglaubt. Dass sowas nun (eigentlich zum ersten Mal?) klappt, freut mich sehr. Wie sich das Blog auf längere Zeit entwickelt – wir werden es sehen.
Besonders gefreut hat es mich, durch den Beinahe-Tod der Rubrik so viele Leser kennenzulernen. Viele Blogger (und Journalisten) lernen ihre Leser ja nur dann kennen, wenn sie einen Fehler gemacht haben. Das ist natürlich nicht immer motivierend. Die Hinweise auf das, was man subjektiv als gut empfindet sind so wichtig wie die Hinweise auf das, was man subjektiv als schlecht empfindet.
Gratulation an euch.
Ich selbst bin noch ein blutiger Anfänger in diesem “Geschäft” und bin begeistert von diesem, meinem ersten hier gelesenen, Artikel!
Bravo, toll geschrieben und voller Wahrheiten, sofern man das so nennen kann. Für Rob würde ich vielleicht auch zahlen.
People shouldn’t miss to read close to this topic. Someone can determine the freelance writers in the internet.