Wenn schnell auf einmal nicht mehr schnell genug ist
Ein Tag besteht aus 24 ganzen Stunden. Hatte er früher auch. Diese „Weisheit“ ist also keine Neuigkeit. Ich muss mir das aber gerade mal dringend bewusst werden lassen. Denn „Echtzeitkommunikation“ ist so en vogue, dass ich vor kurzem darüber sogar auf einer Konferenz reden durfte. Nur: Bleibt da nicht etwas auf der Strecke, wenn alles schneller, leichter und direkter wird?
Ich saß gestern im Zug von Berlin nach Frankfurt. Im Gepäck hatte ich meinen Blackberry (beruflich), mein iPhone (privat) und meinen Laptop samt UMTS-Karte (beruflich). Während ich aus dem Fenster schaute und mich – kein Witz – am Anblick von Stauseen in Niedersachsen erfreute, vibrierte mein Blackberry. Eine neue Mail im Postfach. Eine Anfrage. Ich möge doch bitte einen Entwurf freigeben. Kein Vermerk, inwiefern das dringend ist. Nach meinem Empfinden keine Sache von Leben und Tod. Vielmehr meinte ich, das könnte mindestens einen Tag warten, bis ich wieder im Büro bin und den Entwurf auf einem großen Monitor betrachten kann. Also antwortete ich nicht direkt und widmete mich wieder der Landschaft. Keine zwei Stunden später – diverse Mails waren dazwischen eingetroffen, manche wichtig, andere nicht – eine neue Mail vom gleichen Absender. Ob ich ihn vergessen hätte?
Ich liebe die Zeit, in der wir leben. Ich liebe twitter, ich liebe Mail, irgendwann werde ich bestimmt auch Wave lieben – wenn ich es bis dahin verstanden habe. Ich finde es toll, dass ich, während ich gerade im Zug sitze, einen Text schreiben kann und ihn wenige Minuten später die ganze Welt lesen kann. Ich finde es großartig, dass meine Schwester am anderen Ende der Welt via facebook mein Leben verfolgen kann – quasi in dem Moment, in dem ich darüber berichte. Lange war mir schnell nicht schnell genug. Ich wollte sofort und unmittelbar auf Fragen antworten – und erwartete, dass man mir ebenso schnell auf meine Anliegen erwidern würde. Plötzlich aber komme ich nicht mehr mit, weil ich merke, dass mir hin und wieder das fehlt, was man dringend braucht, um aus guten Ideen sehr gute zu machen: Zeit.
Freunde, Bekannte und Kollegen fragen mich häufig, ob mir das ständige Bahnfahren nicht auf die Nerven geht. Wer mir per twitter folgt, weiß, wie sehr mir Verspätungen, technische Fehler und vor allem einige Mitarbeiter der Bahn auf die Nerven gehen, und trotzdem fällt die Antwort eindeutig anders aus, als Manche das vermuten: Nein, ich liebe das Bahnfahren. Weil es mir die Möglichkeit gibt, meine Gedanken zu ordnen. Zu reflektieren. Nachzudenken. Und nach Lösungen für Probleme zu suchen, die ich sonst nicht sehe. Diese – in der Regel gut drei Stunden – am Tag sind die Produktivsten überhaupt. Auch wenn ich bisweilen keinen fühlbaren Output generiere. Dafür aber finde ich wieder zu mir und erkenne, was wesentlich ist, und was nicht. Ich schaffe Grundlagen.
Ich möchte den Lauf der Dinge nicht aufhalten. Und selbst wenn: Es gibt kein Zurück mehr. Unsere Enkel werden über unser lächerliches Tempo lachen. Wahrscheinlich werden sie bis dahin nicht mehr in Echtzeit kommunizieren sondern in die Zukunft reisen und somit die Gegenwart zur Vergangenheit machen. Sie werden anders arbeiten, anders denken, anders fühlen.
Ein ehemaliger Chef von mir gab mir einst den Rat, auf keine Mail sofort zu antworten, sondern mindestens 20 Minuten zu warten. Eventuell könnte mein zweiter Gedanke, der weniger impulsiv und emotional ausfällt und von wesentlich mehr Ratio geprägt ist, besser sein als der Erste. Ich habe sehr lange nicht mehr daran gedacht. Schnell war mir nicht schnell genug. Ich wollte immer sofort auf alles eine Antwort haben. Und habe mich oft hinterher geärgert, dass meine Antwort nicht die Bestmögliche war. Darum nehme ich mir vor, in Zukunft „Echtzeit“ weiter zu definieren, als ich es bisher getan habe. Und mehr Verständnis zu haben, wenn „sehr schnell“ ein wenig länger braucht.
Tags: kommunikation, medien

Wie recht Du hast. Manchmal wünsche ich mir aucheine Bahnfahrt zur Reflexion.
Es ist nicht alles Echtzeit was glänzt…
Super Artikel! Unterschreibe ich. Leider schaffe ich es nicht so gut wie Du, mich abzuschotten und Zeit auch einfach mal verstreichen zu lassen. Ich merke zwar, dass es mir nicht gut tut, aber ich bin voll in diesem “Erreichbarkeitsstrudel” gefangen. Und im November kriege ich auch noch ein iPhone … au weia … :-/
Sehr schön, dass du das mal aufgreifst. In mir schlummert ebenfalls immer wieder das Verlangen wieder Zug zu fahren oder in den Flieger zu steigen. Beim Flugzeug ist es noch verständlich, da ich doch ein ziemlicher Flugzeugfreak bin, aber bei Zügen könnte das anders aussehen. Wenn da nicht die Tatsache wäre, dass dort die einzigen Stunden sind, in denen man mal wirklich Zeit hat. Wissenschaftlich betrachtet könnte es damit zusammenhängen, dass sich das Auge beim Blick aus dem Fenster auf keinen konkreten Punkt konzentrieren kann und somit dem Hirn mehr Freiraum für Gedanken lässt. Sind wir nicht aus diesem Grunde so gerne am Meer und Blicken in die Ferne?
Tja, selbst schuld. Man muss nicht immer erreichbar sein. Offline ist für mich Luxus. Wenn auch nur wenige Stunden in der Woche, aber: ich nehme kein Smartphone mehr wo mit hin. Ganz einfach. Ich habe ein Leben.
Passend zum Thema der nie vorhandenen Zeit lese ich diesen Artikel nun heute erst (und schäme mich auch ein wenig *g*)
Klingt alles so unverschämt plausibel – zumindest kenne ich das Gefühl ebenso, dass ich manchmal hin- und hergerissen bin zwischen der Begeisterung am Echtzeit-Web und der Panik, nicht mithalten zu können. Manchmal muss man wirklich mal anhalten um zu merken, dass die Erde sich noch dreht…
Großartig formuliert mal wieder, mein lieber Sachar