Das hier ist das private Blog von Sachar Kriwoj. Ich arbeite für die E-Plus Gruppe als Manager Digital Public Affairs.

Deutsche Startups: Da muss noch mehr gehen

Jedes Jahr aufs Neue lässt Deutsche Startups eine fachkundige Jury darüber entscheiden, welches Unternehmen den Titel „Startup des Jahres“ erhält. Die Tatsache, dass mit mymuesli und Statista zwei Unternehmen den Titel davontrugen, die sich am Markt bewährt haben, belegt, dass ein Sieg ein guter Indikator für den weiteren Unternehmenserfolg ist.

Nun habe ich gerade einen Blick auf die diesjährige Vorschlagsliste geworfen und bin doch erstaunt und positiv überrascht, wie viele – mir bekannte – Unternehmen in diesem Jahr gegründet wurden. Und gleichzeitig trotzdem skeptisch, inwiefern sich die Masse der Startups mittel- oder langfristig bewähren wird. Vielleicht ist es vermessen, mich selbst als Indikator zu nehmen, auf der anderen Seite bin ich in meinem unmittelbaren Freundeskreis derjenige, der sich am meisten mit neuen Technologien und Diensten beschäftigt. Wenn ich etwas empfehle, folgen mir einige Leute. Nur: Allzu viele der neuen Startups kann ich nicht empfehlen. Nicht weil sie schlecht sind. Im Gegenteil: Ich bin begeistert, wie professionell deutsche Gründer mittlerweile arbeiten. Mir fallen wenige grobe Schnitzer auf den Seiten der Startups auf. Vor zwei Jahren hat man noch entspannter gearbeitet. Wenn eine solche Professionalisierung und Fokussierung auf das Wesentliche Folgen der Krise sind, ist die Krise – so pervers das auch klingt – das Beste, was der Startup-Szene passieren konnte.

Wieso also die Skepsis? Ich habe nicht das Gefühl, dass die Internet-Gründungen vorhandene Bedürfnisse befriedigen. Da ist kaum etwas dabei, was ich als User wirklich brauche. Einige Dienste sind nett, praktisch, aber sie bringen mir keinen oder nur sehr geringen Nutzen. Das ist natürlich eine sehr subjektive Sicht, aber von den 20 vorgeschlagenen Startups habe ich bisher nur fünf ernsthaft ausprobiert. Einige der Startups wenden sich nicht an mich, weil sie eine B2B-Zielgruppe anvisieren oder aber ein Bedürfnis befriedigen, das ich nicht habe. Insofern kann und darf ich mir kein Urteil über sie erlauben. Andere aber, und an diese wendet sich meine Kritik, haben sehr gute Ansätze, aber mir reichen die Konzepte nicht aus. Damit diese Unternehmen „funktionieren“, muss man entweder noch digitaler leben, als ich es tu – und das sind nicht so viele Menschen, als dass man allein mit ihnen als Zielgruppe wirtschaftlich erfolgreich sein kann – oder aber am Finanzierungsmodell schrauben.

2010 wird ein für Gründer brutales Jahr werden. Es wird kaum leichter werden, solvente und willige Kapitalgeber zu finden. Die Zeit der Experimentierphase ist erst einmal vorbei. Insofern gehe ich davon aus, dass wir 2010 noch weniger Gründungen erleben könnten als 2009. Umso wichtiger ist es, wenn eben diese wenigen Startups sich auf das Wesentliche konzentrieren. Das Wesentliche darf nicht immer nur eine Idee sein. Das Wesentliche muss Menschen ansprechen, abholen und ihnen helfen. In Deutschland ist das im großen Stil bisher nur wenigen Startups gelungen: Xing, Qype und den VZs. Traurig, wenn man bedenkt, welche großen Unternehmen in Deutschland im 20. Jahrhundert gegründet wurden.

Übrigens: Wenn ich in der Jury für „Startup des Jahres“ säße, würde ich mich für die Übersetzungssuchmaschine Linguee entscheiden. Wieso? Bisher habe ich – wie fast jeder, den ich kenne – mir bei Vokabelfragen von Leo helfen lassen. Dabei hat es mich aber schon immer gestört, dass Leo Wörter nur 1:1 übersetzt hat, diese aber nicht in einen Kontext gestellt hat. Genau diesen Missstand bewältigt Linguee. Und: Linguee passt sich dem Nutzungsverhalten seiner User ab, ist somit lernfähig und entwickelt sich fortwährend weiter. Gerade bei der Sprache ist das ein sehr wichtiger Faktor. Leo war jahrelang mein treuer Begleiter im Internet. Kaum jemand, den ich kenne, kam an Leo vorbei. Kaum jemand, dem ich Linguee zeigte, kehrte danach zu Leo zurück. Daher bin ich guter Dinge, dass sich Linguee in den nächsten Jähren zu einer echten Erfolgsgeschichte entwickeln wird.

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