Welt Kompakt 2.0
Seit nunmehr einundhalb Wochen erscheint die zweite Generation der Welt Kompakt. Gut fünf Jahre nachdem die erste Ausgabe in den Handel kam, wurde nicht nur die Optik überarbeitet, auch das Konzept selbst hat ein Lifting erhalten. So twittern nun alle Redakteure, die vollkommen überflüssige und übersichtliche Seite mit den Börsenkursen verschwand und es gibt eine tägliche Doppelseite mit Artikeln über digitale Themen wie twitter, Social Networks oder Gadgets.
Vor fünf Jahren konnte ich mich vor der Welt Kompakt nicht retten. Scheinbar an jeder Straßenkreuzung standen Promotoren und verteilten Frei-Exemplare. Damals gab ich einer abgespeckten Tabloid-Zeitung keine Chance. Ausführliche Informationen gab es in „echten“ Tageszeitungen, die wichtigsten Infos im Netz. Wozu also ein Produkt, das weder Fisch noch Fleisch ist?
Die Welt Kompakt verschwand aus meinem Blickwinkel und tauchte erst vor ein paar Monaten dort wieder auf, als auf der Strecke Berlin – Hamburg, die ich täglich befahre, regelmäßig Frei-Exemplare verteilt wurden. Ich nahm das Geschenk an und stellte fest, dass das Format doch gar nicht so unangenehm ist. Innerhalb von etwa 20 Minuten, so lange brauche ich für die Lektüre, hat man den abgelaufenen Tag rekapituliert und sich die wichtigsten Themen, über die man schon durch das Netz in Echtzeit informiert wurde, noch einmal in Erinnerung gerufen.
Vor ein paar Monaten hatte ich das große Vergnügen, gemeinsam mit Frank Schmiechen, dem stellvertretenden Chefredakteur der Welt Kompakt, Bahn zu fahren. Wir unterhielten uns über twitter, wie das iPhone unser Leben verändert hat und die Zukunft der Medien. Was an Schmiechen mir besonders imponierte: dass er, anders als viele andere Medien-Menschen, nicht nur über diese Zukunft sprechen sondern sie aktiv verändern wollte. Und es nun mit der zweiten Generation der Welt Kompakt tut.
Alle Redakteure, die am Entstehungsprozess der Zeitung beteiligt sind, haben seit dem Re-Launch ein eigenes twitter-Profil und berichten, an welchen Themen sie arbeiten, lassen uns an ihren Gedanken teilhaben und scheuen auch nicht davor, ihrem Ärger Ausdruck zu verleihen, wenn der geplante Feierabend aufgrund einer plötzlichen und unerwarteten Wendung in die Ferne rückt. Mir persönlich gefällt das sehr gut, ich habe das Gefühl, inmitten der Redaktionsräume sitzen und Mäuschen spielen zu dürfen. Bisher unterhalten sich die Redakteure via twitter zwar eher untereinander als mit ihren Lesern, aber das ernste Bemühen ist deutlich zu erkennen.
Man kann mit der Redaktion jedoch nicht nur via twitter in Kontakt treten sondern auch über facebook und sogar Google Wave. Jürgen Stüber, der für das neue Internet-Ressort verantwortlich ist, diskutiert in öffentlichen Waves mit Lesern, was man anders und besser machen könne. Das Großartige ist, dass die Verbesserungsvorschläge in der Zeitung nicht nur abgedruckt werden, sie werden auch tatsächlich umgesetzt. Und zwar innerhalb weniger Tage. Das macht die Welt Kompakt in meinen Augen zu einer echten Zeitung 2.0.
Nach wie vor sehe ich Luft nach oben für die Welt Kompakt. Nach wie vor ist sie eine kleine, wenn auch in meinen Augen deutlich bessere, Version der großen Welt. Ernsthaft emanzipieren könnte sich das Format allerdings erst dann, wenn die Redakteure nicht nur zum twittern angehalten werden würden, sondern auch in deutlich mehr Kolumnen und Glossen zu Personenmarken, wie sie Thomas Knüwer beim Handelsblatt war oder Holger Schmidt bei der FAZ nach wie vor ist, aufgebaut würden. Ebenso würde ich mir deutlich weniger Nachrichten wünschen. Die erhalte ich bereits am Vortag aus dem Internet. Dafür aber mehr Analysen, Kommentare und Interviews. Die dürfen gerne kurz und prägnant sein, würden aber der Welt Kompakt mehr Exklusivität verleihen.
Ich sehe die Welt Kompakt als Vorreiter einer neuen Zeitungsgeneration. Sie war meines Wissens nach das erste Tabloid-Format in Deutschland und setzt auch jetzt neue Maßstäbe. Ich glaube daran, dass Print und auch Tageszeitungen Zukunft haben – vor allem dann, wenn sie so gut gemacht sind wie die Welt Kompakt. Und erst recht dann, wenn man als Zeitungsmacher nicht im Elfenbeinturm sitzt und mit seinen Lesern interagiert.
Tags: frank schmiechen, jürgen stüber, print, welt kompakt, zeitung

Kann in allen Punkten nur zustimmen.
Besonders unterstützen möchte ich die Aussage nach dem Wunsch um mehr Analysen und Kommentaren. Ich vermute der gemeine Welt Kompakt Leser ist durch Internet, Tagesschau und Ticker bereits relativ gut über die Geschehnisse des Tages informiert. Die Welt Kompakt könnte hier noch mehr die vielzitierte Rolle eines Orientierungs- und Selektionsmediums einnehmen.