Der Lobo-Faktor als Last

Zugegeben: Ich habe ein etwas ambivalentes Verhältnis zu Sascha Lobo. Einerseits bewundere ich ihn dafür, dass es ihm gelungen ist, aus dem Internet heraus eine so starke Personenmarke aufzubauen, dass mittlerweile auch die klassischen Medien nicht umhin kommen, ihn als Experten zu befragen. Andererseits empfinde ich einige seiner Thesen als Anbiederung, um genau diesen medialen Effekt zu erreichen. Darüber hinaus aber, und das ist der für mich entscheidende Faktor, habe ich Sascha, wann immer ich ihn persönlich traf und sprach, was nicht besonders häufig vorkam, als sehr netten, zuvorkommenden, höflichen und vor allem verbindlichen Menschen erlebt. Gerade das verbindliche Element nötigt mir am meisten Respekt ab, da das bei den meisten Akteuren im deutschen Web 2.0 ein Mangel zu sein scheint.

Wieso diese Zeilen? Ich lese Saschas Blog, ich folge ihm auf twitter, ich bin mit ihm bei facebook befreundet – nicht weil ich es als Muss empfinde, sondern weil es mich wirklich interessiert, was er von sich gibt. Sascha hat, wenn es um gesellschaftliche Ereignisse oder Veränderungen geht, eine sehr fundierte, oft sehr provokante Meinung, der ich nicht immer zustimmen kann – die mich aber in der Regel bewegt und zum Denken anregt.

Sascha lässt seine tweets bei facebook reinlaufen. In den Kommentaren dort kann ich lesen, wie schwer es ist, „prominent“ zu sein. Sascha hat bei facebook mehr als 4000 „Freunde“. Ich gehe stark davon aus, dass er sie nicht alle persönlich kennt und einfach jede Anfrage annimmt. Anders kann ich mir die Reaktionen nicht erklären. Bei so ziemlich jeder Äußerung wird er von einigen seiner so genannten „Freunden“ attackiert, diskreditiert und diffamiert.

Ich halte es für absolut gerechtfertigt, Sascha Lobo zu kritisieren. Sascha selbst inszeniert sich als öffentlichkeitswirksame, polarisierende Person. Dass er etwa für Vodafone Werbung machte, dem Online-Beirat der SPD angehört(e) oder auch die Blog-Vermarktung bei Adnation nur halbherzig betreibt, kann man kritisieren. Wenn Sascha Blödsinn von sich gibt, was hin und wieder passiert, dann kann man auch das mahnen.

Was ich aber als vollkommen untragbar empfinde, sind Äußerungen, die gegen seine Person gehen und ehrverletzend sind. Kaum jemand von uns kennt den Menschen Sascha Lobo, und selbst wenn ihn jemand als furchtbar unsympathisch empfindet, ist das noch lange kein Grund, ihn permanent persönlich anzugreifen. Wenn diese Menschen bei jeder Äußerung von Sascha Brechreiz empfinden, sollen sie ihm aus den Weg gehen. Das ist verhältnismäßig einfach: ihm bei twitter nicht mehr folgen, sein Blog nicht mehr lesen und bei facebook nicht mehr mit ihm befreundet sein. Bisher tun das Einige noch nicht, vielmehr schmücken sie sich mit Sascha Lobo in ihrer Freundesliste. Ist ja auch cool, diesen Iro-Internet-Punk aus dem Fernsehen zu kennen.

Es widert mich an, dass manche Menschen zu meinen scheinen, im Internet geäußerte Beleidigungen seien vertretbar. Das sind nicht die Menschen, die ich kennen möchte. Das ist kein Umfeld, in dem ich mich bewegen möchte. Und das ist vor allem nicht die Kultur, die ich im Netz erwarte. Letztendlich ist dieses Unverhalten Sascha gegenüber Ausdruck der in Deutschland immer wieder anzutreffenden Neidkultur. Sascha ist hierzulande das bekannteste Internet-Gesicht. Dieser Zustand kam nicht über Nacht, Sascha hat ihn sich lange und hart erarbeitet. Wer ihm das nicht gönnt, soll sich auf seinen Hosenboden setzen und daran arbeiten, ihn abzulösen.

Grundsätzlich sollte sich jeder, wann immer er andere im Netz kritisiert, die Frage stellen: „Wenn ich diesem Menschen gegenüberstünde, hätte ich dann die Courage, ihm das Geschriebene auch in die Augen zu sagen?“ Ich vermute, dass wir dann weniger Müll im Internet lesen würden.

Tags: ,

Ähnliche Beiträge:

This website uses IntenseDebate comments, but they are not currently loaded because either your browser doesn't support JavaScript, or they didn't load fast enough.

9 Antworten zu “Der Lobo-Faktor als Last”

  1. Marc Breidbach sagt:

    Mir geht es mit Lobo ähnlich…seine Äußerungen sind manchmal einfach nur dumm oder absurd. ABER: Er hat es nun mal zum Internet-Gesicht Deutschlands geschafft und das erkenne ich gerne an.

    Persönliche Beleidigungen sind mehr als fehl am Platze und irgendwann kann man dies auch nicht einfach so ausblenden. Ich sehe dies tagtäglich in Foren. Etwas schlimmeres gibt es nicht. Natürlich, Foren und Kommentarfunktionen machen es für jeden sehr einfach, am Besten noch anonym. Nur wie Du schon sagtest, die Courage, dir das in´s Gesicht zu sagen haben die wenigsten.

    Also, reisst Euch zusammen….wir sind im “Social Web” und nicht im “Rude Web”!!!

  2. Denjo sagt:

    Guter Artikel. Leider ist es oft genug so, dass im Netz jegliche Hemmungen fallen – und sich viele Leute dann genau so verhalten, wie sie es an der Person im Fokus eigentlich kritisieren. Schönes Beispiel war eine Schlag den Raab-Show mit einem (auch mir) sehr unsympathischen Kandidaten vor ca. 2 Monaten. Die Welle an Beleidigungen und persönlichen Angriffe über Twitter, Facebook und Co. war gewaltig, obwohl kaum einer den Typen kannte. Und das waren notabene keine 16jährigen Forentrolle, sondern in den meisten fällen erwachsene Menschen (oder im Studio mitgepfiffen, in der Masse fällt man ja nicht auf).

  3. Christian sagt:

    Auf der einen Seite hast Du natürlich recht: Persönliche Beleidigungen sind nie in Ordnung. Dennoch möchte ich einige Dinge hinzufügen.

    Zu: Grundsätzlich sollte sich jeder, wann immer er andere im Netz kritisiert, die Frage stellen: „Wenn ich diesem Menschen gegenüberstünde, hätte ich dann die Courage, ihm das Geschriebene auch in die Augen zu sagen?“

    Jein, den das Web ist NICHT ein persönliches Gespräch. Jedes Medium hat eine eigene Tonalität – das Telefon anders als das Web etc. Natürlich ist Dein Rat ein guter Weg, um eigene Äußerungen zu filtern. Aber ich kann diese Vorgehensweise von jemand anderem nicht “einfach so” erwarten. Man muss sich im Web ein dickeres Fell zulegen als im “Real Life”. Das müssen Unternehmen lernen – genau wie jede Privatperson, die sich nach “hier draußen” begibt.

    Und dann speziell zu Sascha Lobo: Ja, er hat mit Beleidigungen zu kämpfen, aber ja, das ist auch die Folge seines eigenen Tuns. Er inszeniert sich als Vertreter der “jungen Generation” oder “Vorzeigeblogger” – schon dadurch, dass er entsprechende Angebote für Talkshows annimmt. Wenn denjenigen, die er zu repräsentieren vorgibt, sich aber nicht repräsentiert fühlen, dann begehren sie auf. Weil sie sich durch sein Auftreten unter Umständen in eine Ecke gedrängt fühlen, in die sie nicht hinein möchten. Ich kann das verstehen. Und ich denke, da kann man auch mal ungehalten werden.

    Zudem gehört Polarisierung doch zur Selbstinszenierung von Sascha. Und wer polarisiert, hat eben nicht nur Freunde. Da ich Sascha für einen intelligenten Menschen halte, denke ich, dass er das haargenau weiß. Seinen “Job” hat er sich ja selbst ausgesucht.

  4. Tapio Liller sagt:

    Ich gebe dir in dem Punkt recht, dass es bisweilen nicht nur ärgerlich, sondern regelrecht eklig ist, was der eine oder andere über mehr oder minder Prominente im Netz sagt. Andererseits bin ich – so komisch das klingt – auch ein wenig froh darüber, dass sich diese Kleingeister und Neider selbst entlarven. Es fällt dann leichter, sie zu ignorieren. Viel schwieriger finde ich den Umgang mit Netzmenschen, die sich vordergründig – im Netz und im persönlichen Kontakt Angesicht zu Angesicht – normal und höflich verhalten, aber hintenrum anfangen, über ihren Gesprächspartner von eben zu lästern. DAS widert mich noch mehr an als die Trolle und Flamer.

    Ansonsten gilt wohl ab einem gewissen Grad an Bekanntheit der alte Kermit-Spruch: “It’s not easy being green…” oder eben rot… http://www.youtube.com/watch?v=51BQfPeSK8k

  5. Pierro sagt:

    Diesen Worten kann und moechte ich beipflichten.
    Auch ich habe Herrn Lobo, im Volksmund manchtags
    auch als Heidi Klum des Internets verschrien, als eine
    nette, immer sympatische aber vor allem auch
    intelligente Erscheinung kennen gelernt.

    Hingegen Ihren Worte nehme ich hindoch an, dass er
    recht viele seiner “Freunde”, zumindest vom Namen
    her, kennt.

    Da es sich nicht chiqut ueber dritte in Person zu
    “reden” so selbige nicht anwesend, moechte ich es dabei belassen …

    Zumindest lasse ich des weiteren meinen imaginaeren Wimpel
    begeisternd fuer Herrn Lobo im Webwind wehen, obgleich welchen GQ Platz
    er besetzt :o )

  6. Mario sagt:

    Richtig bei Lobo, gilt für jeden.

    Ein Minimum an Netikette und Respekt sollte überall gelten.

  7. Peter sagt:

    Danke für den Beitrag, Sachar. Kann dir nur zustimmen – und möchte noch eine meiner Meinung nach überdenkenswerte Sache ergänzen.
    Ich denke, diese zur Normalität gewordenen, sehr persönlichen Angriffe im Netz sind nicht nur netzintern ein Problem, sondern verhärten auch die Meinung jedes Netzkritikers, dass diese “neue Welt” unsere Jugend verroht, Amokläufer produziert und nicht ernst genommen werden darf/kann. Man verhält sich also nicht nur asozial gegenüber den kritisierten Personen, sondern auch gegenüber der allgemeinen Glaubwürdigkeit des Internets. Darüber machen sich die einzelnen natürlich nur wenig Gedanken – es gibt aber glaube ich auch zu wenige Artikel wie deinen, die diese Thematik ernsthaft und ohne den erhobenen Zeigefinger behandeln und so auf der Internet-Agenda halten.

  8. cbgreenwood sagt:

    Stimme auch nicht immer mit all dem, was Sascha sagt, vorträgt, tweeted oder makroschreibt überein. Mit mir selbst aber übrigens auch nicht immer. Besonders TV-Auftritte zur Rente fand ich nicht so “okayig”.

    Was aber imho jeder in der Webszene / Kreativenecke zugeben MUSS:
    Sascha ist erfinderisch, schlagfertig, wortgewandt, kontaktfreudig und scheut auch keine offenen! (Streit-)Diskussionen und bleibt in seiner Wortwahl immer fair bis mitunter für Gesprächspartner unbemerkt “ambivalent”, was sehr lustig zu beobachten ist ;-)

    ZUDEM: Wer die Monstercojones hat, gerne auch zu Selfpromo-Zwecken, bereits 2x seine eigene Wohnung als Party-Location der Followermeute zur Verfügung zu stellen und die fälligen Kaltgetränke auf Eis zu baden, verdient erst Recht alle Anerkennung. Das hat mir bis jetzt ganz ehrlich den meisten Respekt abgewonnen! In diesem Sinne lobot den Herrn.

  9. thom sagt:

    Viele haben den Traum, vom/durch das Internet finanziell zu leben, Sascha Lobo lebt diesen Traum, Respekt!

Hinterlasse eine Antwort

blogoscoop Dieses Blog werkelt mit Wordpress und wurde charmant gestaltet von Julius Koroll