Das hier ist das private Blog von Sachar Kriwoj. Ich arbeite für die E-Plus Gruppe als Manager Digital Public Affairs.

Gast-Beitrag Nr. 6: Profilierung 2.0

“Jeden Morgen wacht in Afrika eine Antilope auf und weiß, dass sie schneller laufen muss, als der langsamste Löwe, wenn sie überleben möchte.  Und jeden Morgen wacht in Afrika ein Löwe auf und weiß, dass er schneller laufen muss, als die langsamste Antilope, wenn er überleben möchte.” Wir alle wollen überleben. Jeder muss sich in dieser Gesellschaft überlegen, ob er Löwe oder Antilope sein möchte. Ich will nicht unnötig philosophisch werden, aber mir hat diese Fabel ein wenig geholfen, um mich in dem riesen Kommunikationswirrwarr zu orientieren. Die Gleichung hilft mir, die Rolle von Arbeitgebern und Bewerbern auf dem Medienmarkt Deutschland besser zu verstehen. Ich beobachte da in letzter Zeit einen Wandel – vor allem wenn es um die Rollenverteilung in der Nahrungskette geht. Dazu gleich mehr.

Mein Konflikt: die Jobsuche auf dem nationalen Medienmarkt – Ja, ich bin sauer. Sauer auf Globalisierung, Instant-Kaffee und die x-te Inszenierung über das so genannte “Curriculum Vitae”. Alles muss schneller, hübscher und einfach besser sein. Nach meiner Wahrnehmung werden Bewerber nur noch auf ein bis zwei Seiten Papier reduziert, die sie tunlichst mit reizvollen Unternehmenslogos füllen sollten – ganz egal – was sie dort eigentlich gemacht haben. Ich frage mich nach der Fertigstellung einer Bewerbung immer, wie weit das Dokument eigentlich von mir entfernt ist. Ich traue mir ein Mindestmaß an Bescheidenheit zu – aber meistens landen die Bewerbungen im Eimer. Und vorher drücke ich den Umschlägen den Stempel “Nicht ich” auf.

Meine Orientierungslosigkeit beginnt schon mit dem Abschluss des Studiums “Medienkommunikation & Journalismus”. Was bin ich denn jetzt? Journalist oder Kommunikator? Und wenn ich Kommunikator bin, sitze ich dann in der PR, im Marketing oder beim Arbeitsamt? Mit genau diesen Fragestellungen rechtfertigen die Medienunternehmen heute ihre Forderung nach noch mehr Spezialisierung. Aber es grenzt doch an Wahnsinn, dass ich ein privates Studium mit erstklassigem Curriculum finanziert habe und danach nicht gut genug für den Arbeitsmarkt bin. Stattdessen werden haufenweise Referenzen der Marke “Generation Praktikum” SOWIE eine Spezialisierung über ein Volontariat oder Traineeship verlangt. Wenn ich das mal überstürze, hätte ich ein Einfamilienhaus auf dem Konto, bevor ich überhaupt einen einzigen Tag Geld verdient habe. Das kann nicht die Lösung sein.

Jetzt zu meiner Erkenntnis: Die moderne Gegenbewegung zu der ständigen Lebenslaufprofilierung ist das “Netzwerkeln”. Täglich schießen neue Plattformen aus dem Boden und definieren den negativ besetzten Begriff “Profilierung” für mich neu. Ganz egal, wie sehr die Social Media verschrien werden – sie sind da und sie werden in der Zukunft auch nicht wieder verschwinden. Jeder kann sich jetzt entscheiden, ob er, ähnlich wie Dr. Robert Neville in “I am Legend“, Fenster und Türen verriegelt, um sich zu verstecken oder stattdessen beginnt, die Neuen Medien für sich zu nutzen. Ich habe mich für letzteres entschieden.

In Büchern werden die Social Media immer häufiger als geeignete Kanäle für das “Personal-Branding” beschrieben. Wer auf Twitter über 1000 Follower nachweisen kann, bei Xing ein vielschichtiges Netzwerk pflegt, vielleicht noch einen eigenen Videokanal auf YouTube bespeist und DANN noch ein eigenes Blog schreibt und dieses mit Facebook verlinkt – der wird relevant, in welcher Form auch immer. Und um diese Relevanz kommen auch die Personaler der Medienbranche nicht herum.

Folglich konnte es nicht lange dauern, bis erste Recruting-Forces entstehen, die Social Media gewissenhaft filtern und auf postalische Bewerbungsumschläge verzichten. Embrace ist ein Unternehmen, das in Zusammenarbeit mit Experten aus Human Resources, Marketing und Kommunikation neue Ansätze des Personalmarketings hervor bringt. Ich kann nicht beurteilen, was sich aus dieser frischen Idee entwickeln wird, aber es macht Hoffnung: Unternehmen beginnen mehr denn je, sich für Fachkräfte zu interessieren. Sie positionieren sich als attraktive und glaubwürdige Arbeitgeber und diese Veränderung wird auch für mich spürbar: Auf mich kommen mit steigender, virtueller “Relevanz” wieder Unternehmen zu, die kein Interesse heucheln, um mir ein neuen Föhn oder Bausparvertrag zu verkaufen, sondern ernsthaft an mir und meiner Arbeit interessiert sind.

Ach so: Ich bin Löwe, aber ich ess’ gern Sushi.

Der Gast: Malte Brenneisen ist 23 Jahre alt, hat Medienkommunikation & Journalismus in Bielefeld studiert und sucht aktuell nach einer passenden Aufgabe in den Medien. Der junge Medienmann ist Autor der Studie “CP 2.0 – interne Kommunikation im digitalen Zeitalter” und arbeitet derzeit frei für verschiedene nationale Medien. Malte bleibt dem Journalismus vor allem als Hörfunkredakteur treu und interessiert sich immer mehr für die Social Media.  Kürzlich ist sein Blog www.brenneisen.info online gegangen, um das er – auch mit Ihrer/Eurer Hilfe – ein interessantes Netzwerk stricken möchte.

brenneisen

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4 Kommentare zu “Gast-Beitrag Nr. 6: Profilierung 2.0”

  1. Valentin sagt:

    Aber, es bringt der Antilope doch nichts, wenn sie schneller läuft als der langsamste Löwe. Sie sollte schon die Beine in die Hand nehmen und schneller als jeder Löwe laufen – sonst wird sie nicht sehr alt ;-)

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