Das hier ist das private Blog von Sachar Kriwoj. Ich arbeite für die E-Plus Gruppe als Manager Digital Public Affairs.

Don’t call it Social Media

Ich habe mich in den letzten Monaten zurückgehalten. Ich habe mich weder an den Diskussionen um Street View noch um das Chefticket der Deutschen Bahn beteiligt. Sämtliche Hypes, die gefühlt in immer kleineren Abständen kommen, habe ich beobachtet, ohne sie ausführlich in den Kommentaren eines anderen Blogs oder hier zu begleiten. Viele, wenn nicht sogar die meisten, Diskussionen erschienen mir überhitzt, zu emotional, zu fundamentalistisch zu sein. Ich sah keinen Platz für mich und meine Meinung. Jetzt aber ergreife ich das Wort, weil ich sonst zu platzen drohe.

Das Jahr 2010 neigt sich dem Ende zu. Und wenn eins feststeht, dann ist es die Tatsache, dass sich Social Media insofern durchgesetzt hat, als dass ich nicht ein einziges Unternehmen kenne, das nicht in irgendeiner Form im Social Web aktiv ist. Die einen verfügen über ein Corporate Blog, die anderen haben eine facebook Page, die Dritten einen twitter-Account – und dann gibt es welche, die machen alles (bis auf formspring).

Nun weiß der aufmerksame Leser meines Blogs, dass ich mich darüber riesig freuen müsste. Schließlich propagiere ich seit über zwei Jahren, dass diese Art der Kommunikation sehr nützlich und sinnstiftend sein kann. Gleichwohl bin ich alles – nur nicht glücklich.

Social Media – das ist für mich eine angenehme, authentische, unverkrampfte, direkte, schnelle, zuvorkommende, dialogische und menschliche Art der Kommunikation. Ob sie auf facebook, bei twitter, in Blogs oder Foren, vielleicht sogar analog im Café stattfindet, ist unerheblich. Wichtig ist, dass man zuhört, Bedürfnisse erkennt, Bedürfnisse befriedigt, das Unternehmen, für das man arbeitet, ordentlich vertritt, einen wesentlichen Beitrag zum Unternehmenserfolg leistet, indem man hilft, fragt, antwortet und überzeugt. Das ist für mich Social Media.

Aber das ist kaum das Bild, das sich mir im Jahr 2010 bietet. Stattdessen schießen Seiten von großen Marken bei facebook aus dem Boden, die nur eins im Sinn haben: Reichweite. Diese werden durch Verlosungen, Ads oder Newsletter erreicht. Wenn man sich diese Seiten anschaut, dann findet man keinen oder kaum Dialog. Stattdessen lustige Gewinnspielaktionen, Coupons, Spiele und anderen Kram, der mich eher an das Verkaufsfernsehen erinnert denn an das, was ich unter Social Media verstehe.

Vor einigen Monaten nahm ich an einer Veranstaltung teil, zu der ausschließlich Kommunikatoren aus dem Unternehmensumfeld geladen werden. Die Wenigsten waren selbst (als Privatpersonen) im Social Web aktiv. Alle jedoch berichteten stolz von ihren facebook Pages und Social Media Newsrooms. Davon, wie sie innerhalb von Wochen 10000 Fans erreicht haben – mit einem Media-Budget von nur 15000 Euro. Und dann kam Robert Basic, der als Experte zu den Profis sprechen sollte. Robert, über den man mit Sicherheit geteilter Meinung sein kann, stellte zu Beginn einige Fragen, die die Begeisterung unter den Teilnehmern über ihren Erfolg schnell weichen ließ:

Wer von Euch hat ein eigenes Blog? (Übersetzt: Wer von Euch weiß, was Social Media eigentlich ist?)

Wer von Euch hat sich schon mal mit einem Blogger unterhalten? (Übersetzt: Wer von Euch, wenn er schon keine Ahnung von Social Media hat, hat zumindest mal versucht, sich der “Zielgruppe” zu nähern?)

Die Hände, die daraufhin in die Höhe schnellen sollten, blieben – bis auf einige ganz wenige Ausnahmen  - unten.

Na klar wird Social Media professioneller. Das ist dringend notwendig. Wir müssen ordentliche Strukturen errichten, wenn wir den Andrang und Dialog bewältigen wollen. Vor drei Jahren konnte ich alleine für ein Start-Up die Fragen bei twitter, in Blogs und Foren bewältigen. Das kann mir heute für die E-Plus Gruppe gar nicht gelingen. Dafür ist die Nutzung zu sehr explodiert und wir als Unternehmen (als Sinnbild für große Unternehmen) einfach zu groß. Eine Professionalisierung muss stattfinden. Professionalisierung heißt aber nicht, dass Social Media ad absurdum geführt werden muss.

Social Media ist keine technische Angelegenheit. Facebook ist nicht Social Media. Social Media ist eine Geisteshaltung. Darin geht es um Menschen. Um Mitarbeiter. Um Bedürfnisse. Um Gespräche. Um Fragen und Antworten. Um Kritik.

Davon sehe ich viel zu wenig. Dafür aber Newsrooms, die 60.000 Euro kosten. Und Social Media-Agenturen, deren Geschäftsführer lachend sagen: „Für twitter habe ich keine Zeit. Dafür beschäftigen wir Praktikanten.“ Maßnahmen müssen skalieren. Aktionen müssen buzzen. Strategien müssen zu Cases werden.

Und jetzt, wo sich das Jahr gen Ende neigt, kassieren diese Unternehmen und Agenturen, Preise. Von Juroren, die ebenso wenig bei twitter oder facebook unterwegs sind wie die Nominierten. Nachdem die Verantwortlichen auf Kongressen ihre Konzepte präsentiert haben. Verantwortlich aber sind sie nur für die Konzepte und nicht für die Umsetzung. Nicht für die Kommunikation sondern für die Zahlen. Verantwortlich für Reportings, aber nicht für den Unternehmenserfolg. Verantwortlich für Bullshit-Bingo.

Robert Basic hat auf der oben erwähnten Veranstaltung noch einen Satz gesagt, den ich niemals vergessen werde und der so wahr ist, dass er in jedes Kommunikations-Lehrbuch gehört: „Ihr werdet diese Welt niemals verstehen, wenn Ihr nicht auf twitter und facebook seid.“

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15 Kommentare zu “Don’t call it Social Media”

  1. T. Illing sagt:

    Vielen Dank für diesen Beitrag, dem ist eigentlich nicht mehr viel hinzuzufügen. Wie viele Unternehmen Social Media als reines Marketingwerkzeug verstehen sieht man ja allein an den unzähligen Twitter-Accounts die zu nichts anderem genutzt werden, als Werbebotschaften zu verschicken oder auf RT-Gewinnspiele hinzuweisen. Fast schon traurig, dass so viele den eigentlichen Hauptaspekt der Kommunikation völlig vernachlässigen.

  2. Inga sagt:

    Sehr auf den Punkt gebrachter Artikel, welcher als Leitfaden in jedem Unternehmen und deren Marketingabteilungen und in allen verantwortlichen Agenturen gross aushaengen sollte!! Vielen Dank!!

  3. Timo Lommatzsch sagt:

    Du hättest beim Tacheleskreis in Hannover dabeisein sollen – es wäre purer Balsam für deine geschundene Social Media Seele gewesen – ehrlich!

  4. So sehr ich deinen Unmut verstehe und deine Meinung teile, sind wir nicht einfach noch in der Phase von “trial und error”? Mit der Zeit wird sich weisen, wieviel Sauglattismus und Wettbewerbe das Social Web leiden mag. Ich befürchte mehr als Social Media-Puristen lieb ist.

    Den Satz von Robert Basic haben Tapio Liller und ich in unserem Buch PR im Social Web so noch nicht drin, aber durchgehend der Rat: Hör hin und probier aus – wir zeigen dir, wie es geht. Das Buch erscheint 2011 im O’Reilly-Verlag.(Dies soll übrigens keine Schkeichwerbung sein). Wenn es weitere zentrale Gedanken gibt, die du unbedingt zu diesem Thema in einem Handbuch für Kommunikationsprofis lesen möchtest, melde dich bitte. Wir freuen uns auf den Austausch.

  5. Indianer3c sagt:

    Schöner Beitrag, danke dafür!
    Sag mal Sachar gibt es eigentliche positiv Beispiele, welche die beschriebene Kanäle positiv nutzen?
    Im Umkehrschluss bedeutet die These “Don’t call it Social Media” im Beitrag das Social Media nicht heißen muss, dass man bei Twitter, Facebook und Co. vertreten sein muss und jede Form sei es ein Forum oder das kommentieren von Nachrichten eine Art Social Media Gedanke in sich tragen – kurz Social Media gabs schon immer, sogar bevor das Web geboren wurde…

  6. Don sagt:

    Vergisst du da nicht das diese Sozialen Medien Dienste von jemanden bezahlt werden sollten, diese schöne neu Welt wo sich jeder veräußern kann hat halt den selben nachgschmak wie alles andere gratis Angebot, nichts ist umsonst und schon gar nicht Euere Beiträge !!

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