Ein Ende und ein Anfang
massenpublikum stand vor dem Ende, das war kein melodramatisches Getöse von mir. Lange habe ich sehr wenig geschrieben. Nicht nur weil mir die Zeit und Muße sondern auch die Lust fehlte. Und vor allem die Inspiration. Alles, was mich beschäftigte, stand schon irgendwo. Ich wollte und will nicht der vierzigste Blogger aus der Tieckstraße in Berlin sein, der schreibt, wie schlecht Trigami ist, dass ein alter Mann das Fernsehen kritisiert oder Michael Ballack mit Jogi Löw streitet. Jeder hat zu diesen Themen eine Meinung, und ich glaube nicht, dass ich so außergewöhnlich bin, als dass ich dem Ganzen einen komplett neuen Dreh geben könnte. Ich sah keinen Grund, eine Domain im Netz zu blockieren.
Letztendlich aber war es die Finanzkrise, die mich dazu bewogen hat, nicht mit dem Bloggen aufzuhören. Man kann über den Sinn und Zweck von Medien streiten. Unstrittig ist, dass sie Nachrichten verkünden sollen. Unverfälscht, objektiv und wahrhaftig. Was aber ist heute wahr? Dass Mega-Konzerne vor der Pleite stehen? Dass uns eine Rezession droht? Dass Millionen arbeitslos werden?
Als ich ins Berufsleben einstieg und mir als Journalist meine ersten Brötchen verdiente, meinte mein erster Mentor zu mir: Schlechte Nachrichten verkaufen sich besser als gute. Aktuell aber habe ich das Gefühl, dass nur solche Meldungen einen Nachrichtengehalt haben, die eine Katastrophe ankündigen oder besser mit sich bringen. Wenn Medium A von zwei Milliarden Schulden schreibt, muss Medium B das überbieten und drei Milliarden aufbieten. General Motors steht vor der Pleite, Ford wohl auch, bald auch noch Springer, Volkswagen und überhaupt alle. Wir alle werden bald mittellos sein und in Wäldern hausen. Ach ne, die sterben ja aufgrund der Wetterkatastrophe auch aus.
Ich habe es satt. Ich habe es satt, jeden Tag zu lesen, wie schlecht es mir gehen sollte. Mir geht es nicht schlecht. Mir nicht und dem Leser dieser Zeilen auch nicht. Mein seliger Opa, der die letzten acht Jahre seines Lebens an Krebs litt und nichts gegen seine Schmerzen ausrichten konnte, hat noch zwei Tage vor seinem Tod auf die Frage „Wie geht es Dir?“ mit „bestens“ geantwortet. Wieso er das immer tun würde, habe ich ihn mal gefragt. „Was soll ich Dir denn sagen? Dass mich die Schmerzen umbringen? Fühlst Du Dich dadurch besser? Fühle ich mich dadurch besser?“ Er hatte – wie so oft – recht. Wenn ich täglich Zeitung lesen würde, was ich seit einigen Monaten nicht mehr tu, dann wäre ich wahrscheinlich suizidgefährdet.
Dabei gibt es so viel Gutes in der Welt. Und kein Mensch spricht darüber, weil das Schlechte die Titelseiten blockiert. Ich werde das nicht ändern. Ich kann das nicht ändern. Aber ich werde es versuchen. Ich werde nicht rosarat schreiben, und ich werde auch keine Nachrichten verfälschen oder sie verbiegen. Was ich aber machen werde: Ich werde künftig nur noch über solche Dinge schreiben, die mich erfreuen und begeistern. Über Kunst, Musik, Sport und Medien. Das sind genau die Themen, über die ich bisher auch geschrieben habe. Doch wenn ich bisher vor allem kritisiert habe, möchte ich künftig loben.
Ich möchte nicht länger in einer Welt leben, in der alles schlecht ist. Ich möchte in einer Welt leben, in der das Gute gut und das Schlecht schlecht ist. Wenn künftig nur noch darüber berichtet wird, dass der Erde das Ende droht, dann wird das in meinem Blog nicht stehen.
Tags: massenpublikum

Chapeau! Staying tuned.
Zitat: “Toller Ansatz. Kommt mir irgendwie nicht ganz unbekannt vor.
”
Aber ich sage Dir, das ist schwieriger als man denkt. Das Clueso-Konzert hat mich fast soweit gebracht, den Vorsatz zu brechen. Aber ich bleibe positiv
Wie du weißt, bin auch ich im Journalismus verwurzelt – und ja: Recht hast du. Es nervt… Wollte auch immer schon gerne ein Medium in dieser Richtung. So. Und jetzt lobe ich: Deine Zeilen und die brandeins. Du gelobst auf das Positive zu blicken und letztere tut das meist schon ganz gut, finde ich…
Christian (der Zeite): Ich habe registriert, dass Du die Linie ebenfalls seit einigen Wochen verfolgst. Natürlich ist es schwer, sie durchzuziehen. Ich bin mir sicher, dass es Themen oder Ereignisse geben wird, die mich aufregen und wütend machen (wie etwa jetzt die permanente negative Berichterstattung) werden. Nur: Wenn ich es kritisiere, mache ich das mit so viel Verve, dass mein Blutdruck ansteigt.
Ich beschränke mich daher lieber auf die Dinge, die mir gefallen und die die (positive) Berichterstattung verdient haben.
Valentin, das aktuelle Schwerpunktthema in der brand eins hat mir auch sehr gut gefallen, besonders der Untertitel auf der Titelseite: Das ist schon wieder nicht das Ende.
Wow, das war ein wirklich toller Artikel! Du hast total recht mit deiner Meinung über die Medien. Alles was man liest ist Wirtschaftskrise hier und Unglück da. Es gibt so viel schönes im Leben, über das man erfolgreich schreiben kann.
@Sachar: Auch wenn mein Blogpost eher kam, war der ja von einem Gespräch zwischen uns inspiriert. Deshalb auch das Zitat Deines Kommentars bei mir. Bin aber gespannt. Wir drehen die Blogosphäre
ich finde es schön zu sehen, dass die sich viele der blogger die ich kenne sich dem depressiven druck der medien entreißen und sich wieder auf wirklich wichtige positives konzentrieren.
danke sachar.
Gibt es eigentlich schon das Wort «Wohlfühlblogger»? Scheint ein echtes Bedürfnis zu sein momentan. Vielleicht ein erstes Anzeichen dafür, dass die Krise langsam richtig durchschlägt. Abgesehen davon: Lass dich von deinen Plänen nicht abhalten, bin da ganz zuversichtlich, dass Du auf den Pfad der Tugend zurückkehrst, wenn es nötig sein sollte.
(Und hoffentlich hat das ganze nichts mit deiner Arbeit zu tun, «No-Risk-Bloggen» ist ja nicht zuletzt auch deshalb sehr beliebt im PR-Umfeld…)
*undweg*
Sehr gut! Danke für diesen Artikel. Sprichst mir aus der Seele…
Guter Beitrag, sehe ich ganz genauso! Vielleicht lässt sich die herbeigeschrieben Krise ja auch wieder wegschreiben…
Erfreulicherweise gibt es noch andere, die eine ähnliche Meinung öffentlich kundtun (Ein gutes Beispiel ist auch das Kommentar vom Herausgeber der Impulse in der aktuellen Ausgabe).