Christian Bölling im Interview zu Social Media
Nachdem Nico Lumma, Director Social Media von Scholz & Friends, meinen Social Media-Fragebogen beantwortet hat, kommt nun Christian Bölling zu Wort. Er arbeitet als Consultant Social Media bei PR!NT Communications Consultants. PR!NT ist eine Agentur der Heye Group. In seinen Überlegungen spielt das Fachgebiet PR eine größere Rolle als bei Nico, schließlich kommt Christian aus dem Bereich der Public Relations.
Was genau versteht man unter dem Oberbegriff „Social Media”?
Christian Bölling: Social Media beschreibt Medienformate, in denen aus Medienkonsumenten Medienproduzenten werden können. Die Grenze zwischen Sender und Empfänger wird teilweise aufgehoben.
Wieso ist Social Media wichtig?
Christian Bölling: Zunächst einmal ist Social Media Teil der medialen Realität und die Realität ist für PRler immer wichtig. Zudem will PR immer dort vertreten sein, wo die Menschen aus eigenem Antrieb hinschauen – und das sind neben dem redaktionellen Teil von Zeitungen oder TV-Formaten eben auch Xing, twitter und StudiVZ.
Welche Voraussetzungen muss man in einem Unternehmen schaffen, um Social Media anwenden zu können?
Christian Bölling: Ich bin nicht der Meinung, dass ein Unternehmen Vorraussetzungen schaffen muss, um Social Media anwenden zu können. Es muss aber den für sich richtigen Weg finden, mit Social Media umzugehen. Das kann sehr intensive Teilhabe bedeuten, aber auch das völlige außer-Acht-lassen. Nicht jedes Unternehmen muss Social Media machen. Aber jedes Unternehmen sollte sich einmal die Frage gestellt haben, ob Social Media sinnvoll ist, um die eigenen Ziele zu erreichen.
Viele Unternehmen setzen mittlerweile auf ein Corporate Blog. Welches sind in Deutschland die „Best Cases”?
Christian Bölling: Das für mich spannendste Corporate-Blog ist das Insignia-Blog von Opel. Aus zwei Gründen: Erstens, weil es in der Produkt- bzw. Markenkommunikation eingesetzt wird. Es kommuniziert dabei genau das, was die Marke Opel zeigen will: Ingenieure mit Leidenschaft entwickeln ein tolles Auto. Und zweitens, weil es von einer PR-Agentur redaktionell begleitet wird – so steht es zumindest im Impressum. Ich habe es immer für widersinnig gehalten, dass PR-Leute Blogger nicht beim Formulieren ihrer Posts unterstützen dürfen. Schließlich stammen auch die viele Zitate in Printmedien von PR-Beratern oder Pressereferenten. Wenn der Zitierte dahinter steht und es freigibt, ist daran nichts auszusetzen. Das Insignia-Blog zeigt, dass darunter keineswegs die Authentizität der Beiträge leiden muss.
Was macht ein gutes Corporate Blog aus?
Christian Bölling: Ein Corporate Blog lebt wie jedes andere Blog von den Personen, die es schreiben. In diesem Sinne muss ich Leute im Unternehmen oder um das Unternehmen herum finden, die spannende Geschichten zu erzählen haben.
Wenn Christian Bölling Unternehmen beraten würde, die sich mit der Einführung eines Corporate Blogs beschäftigen oder beschäftigen sollen, mit welchen maximal zwei Sätzen würde er sie zu überzeugen versuchen?
Christian Bölling: Ich möchte niemanden von Corporate Blogs überzeugen. Ich möchte von Kommunikationskonzepten überzeugen, die dazu beitragen Ziele zu erreichen.
Was darf ein Corporate Blog niemals sein?
Christian Bölling: Mir ist wichtiger, was ein Corporate Blog sein muss, nämlich relevant.
Nach Blogs ist twitter das „Next Big Thing”. Welche Unternehmen sollten twittern? Und wie sollte die Kommunikation per twitter aussehen?
Christian Bölling: twitter ist genauso wie ein Blog immer dann sinnvoll, wenn es die Ziele erreichen hilft. twitter schafft dabei einen sehr direkten Draht zu einer dialogbereiten aber sehr engen internetaffinen Zielgruppe. Es ist daher eher eine Meinungsbildner-Kommunikation. Es gibt dabei m. E. zwei Möglichkeiten, twitter zu nutzen: Erstens als Nachrichtenticker ohne Dialogmöglichkeit – so machen das zum Beispiel viele Zeitungen. Manche twitterer mögen das nicht besonders, aber ich selbst followe einigen dieser Accounts. Zweite Möglichkeit ist, twitter als Dialogtool einzusetzen. Letzteres ist zweifelsohne die optimale Ausnutzung der technischen Möglichkeiten von twitter. Ich informiere meine Zielgruppe; wenn ein User Fragen oder Anmerkungen hat, antworte ich und wenn Diskussionen aufkommen, nehme ich teil. Im praktischen Einsatz sollte man dabei im Hinterkopf behalten, dass man Unternehmenskommunikation betreibt. twitter verleitet zu Flapsigkeit.
Ist Social Media messbar?
Christian Bölling: Die Frage ist, ob Erfolg messbar ist. Und das hängt davon ab, ob ich ein operationalisierbares Ziel gewählt habe. Umsatzsteigerung und Imagewerte sind natürlich ermittelbar. Wenn Social Media aber – was ich empfehlen würde – Teil einer integrierten Kommunikationsstrategie ist, dann ist der Einfluss der einzelnen Faktoren schwieriger zu bestimmen. Das ist aber nicht anders als bei Printclippings oder TV-Spots.
Christian betreibt selbst ein Blog und twittert.
Tags: Corporate Blogs, interviews, nico lumma, social media, web 2.0


Meiner Meinung nach verliert ein Blog an Authentizität, wenn PR-Leute den Bloggern beim Schreiben helfen. Auch wenn der Zitierte dahinter steht und es freigibt.
Der Begriff “Blog” kommt von Weblog = Internet-Tagebuch. Insofern würde die Authentizität m.E. schon ein wenig verwässert, wenn persönliche Eindrücke, Gedanken oder Gefühle von Profis perfektioniert werden. Gegen Bezahlung versteht sich.
Wie oben erwähnt lebt ein Corporate Blog -wie jedes andere Blog- von den Personen, die es schreiben. Deshalb sollten sie es auch selbst tun, genau wie das Beantworten der Kommentare. Da hilft ihnen dann niemand mehr.
Auch wenn ein Corporate Blog auf den ersten Blick -wie von Olaf Kolbrück im Folgeinterview formuliert- chaotisch erscheinen mag, ist es kein ausgefeiltes PR-Instrument und Sprachrohr des Unternehmens. Der Unterschied zur Webseite wäre dann lediglich die Kommentarfunktion.
Btw: das Insignia-Blog finde ich auch ein sehr gutes Themen-Blog. Es hat deutlich gezeigt, dass man bereits eine ganze Menge Fans ein um ein Produkt scharen kann, welches noch gar nicht auf dem Markt ist. Und der Insignia ist kein iPhone oder ein neuer Mac. Hier hätte man das vorhersagen können. Deshalb “Hut ab” vor Ulrich Weber und den Insignia-Bloggern.
Der Anonymous um 6:53 pm war ich.
Ich habe Deinen Hinweis per twitter aufgenommen und aus Deinem anonymen Beitrag einen von “uknaus” gemacht.
Uwe, als PRler sehe ich das natürlich ein wenig anders.
Gewiss lebt ein Blog in erster Linie von seiner Authentizität. Jedoch darf man auch nicht vergessen, dass ein Blog Beziehungen zu Kunden, Stakeholdern und vielen anderen Zielgruppen aufbauen bzw. vertiefen kann. Diese Beziehungen können entweder spontan wachsen und entstehen, dafür braucht man keine steuernde Hand aus der PR. Oder aber man versucht, das Blog im Sinne einer ganzheitlichen Kommunikationsstrategie umzusetzen, dann ist es auch logisch, dass die PR oder ein externer Berater mitmischt.
Davon abgesehen denke ich nicht, dass Steuerung oder Beratung und Authentizität einander widersprechen. Inhalte können auch mit PR-Beteiligung authentisch bleiben, durch einen PRler oder Coach aber zu mehr Interaktivität und einem stärkeren Austausch ermuntern.
PR-Einsatz beim Coachen, Beraten, Steuern, etc. geht völlig in Ordnung. Nur beim Formulieren, da hab’ ich Bauchschmerzen.
@uknaus
Zweifelsohne ist ein idealer Blogeintrag von dem formuliert, dessen Name darunter steht. Aber dennoch ist ein Blog für mich ein PR-Instrument: Ich richte es ein, weil ich bestimmte Ziele verfolge – z.B. den Dialog mit einer bestimmten Zielgruppe aufzubauen bzw. Informationen aus einer besonderen Perspektive zu bieten.
Wenn ein PRler redaktionell unterstützt, dann wiefolgt:
1. Themenfindung, -steuerung
2. Coaching
3. Unterstützen beim Formulieren – ABER: Nicht auf Wunsch des Unternehmens, sondern NUR auf Wunsch des Schreibers, sprich: Wenn ein Blogger keine Zeit hat, mir aber einen roughen Entwurf seiner Gedanken schickt, kann ich den Text für ihn ausarbeiten. Wenn er mich anruft und mir erzählt, was sein Thema ist, kann ich das ebenfalls übernehmen. Darin sehe ich kein Problem.