Das hier ist das private Blog von Sachar Kriwoj. Ich arbeite für die E-Plus Gruppe als Manager Digital Public Affairs.

Erfolgsgeschichten: betterplace

Viele – auch ich – reden zumeist davon, was Social Media bewirken kann: Menschen vernetzen, Informationen allgemein zugänglich machen und dem Verbraucher eine Stimme geben. Die Organisation betterplace beweist, dass Social Media auch soziale Projekte fördern kann. Dr. Joana Breidenbach, eine der Gründerinnen, erzählt, wie es zur Gründung von betterplace kam, wie wichtig Transparenz für Spendenprozesse ist und erläutert, wieso Menschen für betterplace auf ihren Lohn verzichten.

Kurz zusammengefasst: Was ist betterplace?

Joana Breidenbach: betterplace.org ist eine Internetplattform für soziales Engagement. Ein Marktplatz, der die Beziehung zwischen Geber und Nehmer revolutioniert: Große und kleine soziale Organisationen aus der ganzen Welt können sich kostenlos vorstellen und für ihre Projekte Unterstützung in Form von Geld- und Sachspenden sowie Mitarbeit erbitten. Auf der anderen Seite können Klein- und Großspender sich strategisch engagieren. Die Plattform kombiniert Rating-Systeme mit sozialen Netzwerken und sorgt so für radikale Transparenz. Jedes Projekt ist von einem Web of Trust umgeben: so werben große, bekannte Organisationen z.B. mit ihrem Markennamen, kleine Grassroots-Projekte stellen sich mit privaten Fürsprechern, Menschen, die das Projekt vor Ort besucht haben und ihren bisherigen Spendern, vor. Projektverantwortliche bloggen über die Verwendung der Spendengelder und halten alle Unterstützer über den Projektfortschritt auf dem Laufenden. Auf Basis dieser Information kann jeder Nutzer entscheiden, ob er ein Projekt unterstützt oder nicht. So wird kundiges soziales Engagement möglich.

Das Geschäftsmodell von betterplace sieht vor, Unternehmen die Corporate Social Responsibility betreiben möchten, zur Kasse zu bitten. Wie gut funktioniert das?

Joana Breidenbach: Die Plattform wird von einer gemeinnützigen GmbH betrieben, die 100 Prozent aller Spendengelder an die Projekte weiterleitet. Wir verfolgen mit betterplace.org keine Gewinnabsicht, sind aber für den professionellen Auf- und Ausbau der Plattform auf solide Finanzen angewiesen. Deshalb bieten wir Unternehmen an, ihr soziales Engagement auf co-branded betterplace Seiten nicht nur transparent zu präsentieren, sondern auch so „andockfähig“ zu machen, dass sich Mitarbeiter, Kunden oder Zulieferer leicht einklinken und gemeinsam mit dem Unternehmen Gutes tun können. Nach gut einem Jahr nutzen mittlerweile an die 60 Unternehmen die Plattform. Daimler Financial Services stellt sein soziales Engagement vor. Vattenfall hat mit seinen Mitarbeitern eine große Spendenaktion nach dem Zyklon in Burma durchgeführt. Cap Gemini und ddb haben ihre Weihnachtsaktionen mit uns gemacht. Aber auch wenn wir schon gute Kunden haben, wir brauchen mehr, um uns nachhaltig finanzieren zu können. Nun ist es so, dass CSR in Deutschland zum Teil noch als „nice to have, but not essential“ angesehen wird. Firmen machen zwar viel, stellen dies aber oft wenig öffentlichkeitswirksam dar und vergeben sich die Chance ihre Stakeholder über das soziale Engagement an sich zu binden.

Große Unternehmen als Kunden zu gewinnen ist nicht so einfach – manche haben Angst ihre eigene Marke zu verwässern, wenn sie sich auf einem offenen Marktplatz darstellen, bei anderen sind die internen Entscheidungswege sehr lang. Kleinere Unternehmen und insbesondere Internetfirmen sind leichter zu gewinnen. Aber erfreulicherweise haben wir mittlerweile eine so gute Reputation aufgebaut, dass plötzlich auch immer mehr „Große“ dabei sein wollen.

Transparenz steht bei betterplace im Vordergrund. Gibt es auch schon bekannte Fälle des Missbrauchs? Wie würde man mit so einem Fall umgehen?

Joana Breidenbach:
Kein Sektor ist so intransparent wie der soziale. Wer weiß schon, dass es üblich ist, Spendenvermittlern (z.B. von Patenschaften) die Erlöse der ersten 12-18 Monate zukommen zu lassen, oder dass bei den Projekten staatlicher Entwicklungshilfeorganisationen oft nur 20-30 Prozent der Gelder wirklich vor Ort ankommen? Auf betterplace.org müssen Organisationen ihre Arbeit auf Projektebene und in einzelne Bedarfe herunterbrechen. Wir fordern sie auf, Verwaltungskosten auszuweisen und über ihre Arbeit Feedback zu geben.

Wir sind eine offene Plattform – d.h. jeder kann sich und sein Projekt präsentieren. Wir checken nur, ob ein Projekt gegen bestehende Gesetze verstößt. Da besteht natürlich die Gefahr des Missbrauchs – wie im Offline-Spendenwesen auch.

Wir bauen auf die Eigenverantwortung der Nutzer, d.h. dass sie nur Projekte unterstützen, deren Inhalte und Web of Trust ihnen vertrauenswürdig erscheinen. Auf betterplace gibt es zum Beispiel Mary, eine Mutter aus Kamerun, die Schulgeld für ihre Kinder erbittet. Ich habe schon mehrmals dazu beigetragen, aber nur, weil ich eine Fürsprecherin dieser Mutter kenne und ihrer Expertise als ehemalige Entwicklungshelferin in Kamerun vertraue. Nach dem Motto: Wenn Hannelore Mary vertraut, dann tue ich das auch. Netzwerkvertrauen und Netzwerkkontrolle sind das Herz von betterplace.org. Und mit mehr und mehr Nutzern, Fürsprechern und Vor-Ort-Besuchern wird sich beides immer mehr selbst regulieren.

Fälle offensichtlichen Missbrauchs hatten wir bisher keine. In diesem Fall würden wir das Projekt blocken und von der Plattform nehmen. Was es dagegen öfter gibt, sind Projekte, die manche Menschen unsinnig finden. Aber in unserer hochgradig ausdifferenzierten Welt können Anliegen, die mir völlig blödsinnig erscheinen, für jemand anderen unterstützenswert sein.

Was war die Motivation, eine Plattform wie betterplace aufzusetzen?

Joana Breidenbach: Wir sind ein ziemlich heterogenes Gründerteam. Till, unser Geschäftsführer, ist Wirtschaftsinformatiker und hatte die Idee zu betterplace, nachdem er in Südafrika die massive Kluft zwischen arm und reich erlebt hatte. Mit Jörg Rheinboldt und Stephan Schwahlen holte er sich zwei engagierte Investoren an Bord. Ich wiederum hatte mich als Kulturanthropologin schon lange mit Entwicklungszusammenarbeit beschäftigt. Dann war ich mit meinem Mann, der Rechtswissenschaftler ist und auch schon eine Reihe von Unternehmen aufgezogen hat, und unseren Kindern auf einer fünfmonatigen Weltreise. Wir besuchten eine Reihe von kleinen, lokalen Initiativen – z.B. in Äthiopien und Bhutan – die uns sehr begeisterten, außerhalb ihrer Region jedoch völlig unbekannt waren. Mit dem aufkommenden Web 2.0. lag es nahe, einen wirklich offenen, transparenten und kostenlosen Online.Marktplatz zu bauen, auf dem auch der „long tail of charity“ präsent ist.

Uns allen gemeinsam ist die Begeisterung dafür, den intransparenten gemeinnützigen Bereich transparenter, effektiver und effizienter zu machen. Wir wollen mit betterplace keinen finanziellen Gewinn machen, sondern finden es spannend ein Social Business aufzubauen, also mit unternehmerischen Mitteln sozialen Return zu erwirtschaften.

Ihr beschäftigt knapp 20 Mitarbeitern, von denen gut die Hälfte bezahlt wird. Die andere Hälfte arbeitet also ehrenamtlich. Wie schwer ist es, Menschen zu überzeugen, auf ihr Gehalt zu verzichten?


Joana Breidenbach:
Der Grundbetrieb der Plattform wird von einem festen, bezahlten Mitarbeiterstab geleistet. Aber daneben gibt es erstaunlich viele Menschen, die unentgeltlich mitmachen wollen. Mein Projektteam zum Beispiel besteht aus einer bezahlten Mitarbeiterin und drei Freundinnen, die, wie ich, ehrenamtlich arbeiten. Sie sind hochqualifiziert und wirtschaftlich soweit abgesichert, dass sie auf ein Gehalt verzichten können. Da wir alle Kinder haben, möchten wir keine starren Arbeitszeiten haben. betterplace bietet viel Flexibilität und ist zugleich eine echte intellektuelle und organisatorische Herausforderung, an der wir alle wachsen.  Genauso gibt es Männer, die schon eine erfolgreiche Karriere hinter sich haben und einfach Lust verspüren, für einen Tag die Woche oder ein paar Monate ihre Zeit und Expertise uns zur Verfügung zu stellen. Für viele ist Sinn, Spaß, Kompetenzerweiterung und Zugang zu neuen Netzwerken eine adäquate Bezahlung.

Hinter betterplace stehen fünf Gründungsstifter, die, bis aus Geschäftsführer Till Behnke, allesamt schon eine erste Karriere hinter sich haben. Brauchte es die Weisheit eines halben Lebens, um auf eine Idee wie betterplace zu kommen?

Joana Breidenbach:
Ja und nein. Einerseits ist es sehr hilfreich, dass wir schon eine erste Karriere hinter uns haben, bzw. parallel noch in anderen Bereichen tätig sind. Das dort verdiente Geld, aber auch unsere Expertise und Netzwerke, konnten wir für den Aufbau der Plattform verwenden. Und da wir eine feste berufliche Identität haben, fällt es uns auch leicht, betterplace als Social Business ziemlich ego-los zu betreiben und etwas zu wagen – wie z.B. die Idee eines völlig offenen Marktplatzes, die vielen sehr riskant erscheint.

Das wir uns und unserer Umwelt nicht mehr so viel beweisen müssen, wirkt sich sehr positiv auf unsere Zusammenarbeit aus. Wir sehen uns als Experten in unseren jeweiligen Bereichen an, respektieren die gegenseitigen Fähigkeiten, sind aber auch neugierig, was dazu zu lernen. Das ich als Kulturanthropolgin noch mal den Charme von Excel und Datenanalyse erfassen würde, hätte ich mir nie träumen lassen.

Auf der anderen Seite zeigt das Engagement von Till und Moritz, unseren beiden jungen Geschäftsführern, dass man so eine Plattform auch durchaus als erste Karriere konzipieren kann.

Wie lange braucht betterplace noch, bis sich die Plattform selbst tragen kann?

Joana Breidenbach: Die Anfänge von betterplace.org haben wir Gründer finanziert, unterstützt von einer immer größer werdenden Anzahl von Privatpersonen, die auch an die Idee betterplace glauben und in unserem Beirat sitzen. Doch der Anteil der zahlenden Unternehmenskunden und IT-Beratungsaufträge für andere Non-Profit-Organisationen wächst ständig. Wir sind nach wie vor auf eine Anschubfinanzierung angewiesen, gehen aber davon aus, dass wir uns in zwei Jahren selbst tragen.

Inwiefern muss sich die Plattform in unmittelbarer Zukunft verbessern? Was steht auf der Agenda?

Joana Breidenbach: Meine Güte, da gibt es so viel, was bei uns in der Pipeline ist. Das Nadelöhr sind unsere Programmierkapazitäten. Wenn ich jetzt nur aus der Perspektive meines Projektteams spreche, dann möchte ich dringend die Präsentation der Projekte, die Such- und Filterfunktionen und die Eingabemasken optimieren. Zudem sind wir dabei, die Laufzeit der Projekte zu begrenzen, um den Marktplatz zu dynamisieren. Im Laufe der letzten 16 Monate haben wir so viel Know How angesammelt – was im Internet-Spendenwesen funktioniert und was nicht – dass wir das endlich auch mal umsetzen möchten. Aber die Frage schmerzt, deshalb gleich weiter zur nächsten.

Die Krise ist da: Inwiefern kann betterplace von ihr profitieren?

Joana Breidenbach: Für betterplace ist die jetzige Situation extrem spannend. Denn wir erleben ja, wie im Zuge der Finanzkrise, u.a. ausgelöst durch eine starke Fixierung auf kurzfristige Renditemaximierung, die Rolle des Staates auf der einen Seite, und die von Unternehmen auf der anderen, neu definiert wird. Dabei stellt sich die Frage, wie unternehmerischer Erfolg in Zukunft aussehen wird. Konkreter: werden neben Kapitalrenditen nicht auch ökologische Nachhaltigkeit und soziale Renditen als integrale Kriterien für Erfolg einbezogen werden müssen?

Zugleich erleben wir im sozialen Sektor eine Bewegung hin zu ökonomischen Ansätzen. Im Zuge des „Social Entrepreneurships“ bemüht sich eine neue Generation von Akteuren, dringende soziale Fragen dauerhaft und großflächig zu lösen. Dabei zeichnen sie sich durch eine Mischung aus sozialem Engagement, Managementfähigkeiten und wirtschaftlichem Sachverstand aus und übertragen Wirtschaftsprinzipien auf den zivilgesellschaftlichen Raum.

betterplace.org steht genau an der Schnittstelle zwischen neuen unternehmerischen Ansätzen, die soziale Renditen mit einbeziehen und Initiativen, die unternehmerische Prinzipien für die Lösung sozialer Probleme heranziehen.

In dieser Krisenzeit kommt uns, denke ich, auch zu Gute, dass Menschen sich die Sinnfrage neu stellen. Viele sind den Firlefanz unserer Konsumkultur leid und besinnen sich auf Wesentliches. Dadurch, dass man sich bei betterplace.org schon mit einem Euro engagieren kann und in ein Projekt eingebunden ist, sehen auch Kleinstspender, dass sie im Verbund mit anderen etwas bewegen können. Und unsere Feedbackmechanismen kommen dem Bedürfnis von Menschen entgegen, zu wissen, was mit ihrem hart verdienten Spendeneuro geschieht.

Welchen Rat von Dr. Joana Breidenbach sollten sich Gründer hinter die Ohren schreiben?

Joana Breidenbach:
Folge Deiner Leidenschaft, kombiniere sie mit einem guten Business-Konzept, und tu Dich mit Menschen zusammen, die neben ihrer fachlichen Kompetenz auch Deine Werte teilen.

joana_breidenbach

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2 Kommentare zu “Erfolgsgeschichten: betterplace”

  1. Sebastian sagt:

    betterplace.org mag ja ganz nett sein, aber ich sehe es kritisch! Ich habe schon im Bereich Fundraising gearbeitet und gerade hier sind zwei Dinge negativ aufgefallen:

    Gelder werden erst ausgezahlt wenn 100% des Projektes finanziert wird, Spenden sollen aber sofort helfen und können in den meisten Projekten auch schon helfen wenn noch nicht 100% des Projektes zusammen gekommen ist, sondern nur 50% oder weniger.

    Desweiteren ist es bei solchen Portalen oft so, dass die Spendenbescheinigungen von betterplace.org oder dem jeweiligen Betreibern kommt! Gerade aus meiner Sicht des Fundraisier ein Unding! Ich möchte dem Spender eine Spendenbescheinigung schicken mit einem Dankbrief um ihn langfristig an eine Organisation zu binden!

    Daher kommen für mich solche Portale nicht in Frage!

  2. Hi Sebastian,
    Danke für Deinen Kommentar, zu dem ich kurz Stellung beziehen möchte. Wir haben uns bei betterplace.org lange darüber Gedanken gemacht, wann ausgezahlt wird und sind dann zu dem Ergebnis gekommen, dass es erst Sinn macht Gelder zu überweisen, wenn ein Bedarf erfüllt ist. Das hat mehrere Gründe:
    1. zum einen animieren wir unsere Projektverantwortlichen, ihre Projekte so weit in Bedarfe herunterzubrechen, dass sie klein sind (damit sie greifbar sind und schnell voll bespendet und damit ausgezahlt werden können). Jede Organisation hat es also selbst im Griff, wie kleinteilig sie ihr Projekt beschreibt.
    2. Bei Überweisungen ins Ausland macht es keinen Sinn zu kleine Beträge zu verschicken. Die mit uns zusammenarbeitenden Kreditinstitutionen haben zwar ihrerseits auf Gebühren verzichtet, so dass wirklich 100% weitergegeben werden können. Aber die Banken im Ausland nehmen häufig pro Transaktion eine Gebühr, die manchmal größer ist, als die verschickte Summe. Um das zu verhindern, versuchen wir nicht zu kleine Beträge zu verschicken.
    3. Als Spender möchte man, wenn man Punktgenau spendet (auf eine Gitarre für die Choki Arts School in Bhutan) auch sicher gehen können, dass mit dem Geld auch wirklich dieser Bedarf gedeckt wird. Wenn nun nur eine Teilsumme ausgezahlt ist – und die Organisation den Rest nicht selbst aus anderen Quellen finanzieren kann – ist es zweifelhaft, ob der angegebene Bedarf erworben werden kann. In Mangelwirtschaften liegt die Versuchung nahe, den Teilbetrag zum Stopfen anderer Löcher verwendet werden.

    Zu Deinem 2. Punkt, den Spendenbescheinigungen: ja, wir verschicken Spendenquittungen und geben Adressen nicht an Organisationen (oder irgendjemand anderen) weiter. Wir wissen, dass Adressen für Organisationen wichtig sind, wissen aber auch, dass viele Spender die ganzen Direct Mails und Postkarten von Fußbildmalern, die sie unaufgefordert als Werbung zugeschickt bekommen (und mit denen gehandelt wird) leid sind und betterplace.org auch deshalb gut finden, weil wir sie vor diesem Zeug bewahren. Organisationen können natürlich dennoch Spendern danken – sie sind in einem ständigen Kommunikationsprozess über die Plattform verbunden und engagierte Projektverantwortliche (von großen und kleinen Organisationen) machen dies auch sehr gut.

    Hoffe, ich konnte diese Punkte klären, Grüße, Joana

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