Das hier ist das private Blog von Sachar Kriwoj. Ich arbeite für die E-Plus Gruppe als Manager Digital Public Affairs.

Der Blödsinn mit den Social Media Experten

Derzeit grassiert eine Krankheit in Deutschland – und vielleicht auch in anderen Ländern: Der Social Media Experte. Der Social Media Experte zeichnet sich in erster Linie dadurch aus, dass er sich selbst zum Social Media Experten ernennt und wenig vorzuweisen hat, um diesen Tatbestand zu belegen. Social Media, da sind sich wohl alle Leser meines Blogs einig, ist ein großes Thema – und das ist auch gut so. Weil nun selbst riesige Konzerne, die Online-Kommunikation bisher nur träge verfolgt haben, auf facebook, twitter und StudiVZ vertreten sein wollen. Diese Konzerne müssen in ihrer Strategie sowie in der Umsetzung dieser betreut werden, daher scharen die selbsternannten Experten mit den Füßen und (t)wittern die große Chance, Karriere zu machen.

Doch wann wird man Experte? Eine sehr interessante Sicht zu dieser Frage findet sich bei Barry Hurd:

Experts in social media are true users, involved with if as it were a lifeblood. They do not “practice it”, they simply “get it”.

Primär würde ich Barry zustimmen. Es geht darum alle Facetten zu kennen, dieses Know-How erlangt man aber nicht durch das Studieren der Theorie sondern vor allem durch ausgiebiges Anwenden. Grundsätzlich vertrete ich die Auffassung, dass „Get it“ die Grundvoraussetzung in so ziemlich allen Bereichen des Lebens ist, um Experte zu werden. Darum sind auch die meisten erfolgreichen Fußball-Trainer selbst einst Spieler gewesen. Wer auf dem Feld irgendwann ein Eigentor geschossen hat, weiß, wie sich der Spieler anfühlt, dem soeben das Unglück widerfahren ist.

Erfahrung, dieses „Get it“-Moment, ist aber nicht alles. Aus Erfahrung allein erwächst keine Empathie, derer es unbedingt bedarf, um nicht nur die Zielgruppe sondern auch den Kunden zufrieden zu stellen. Nicht immer ist das für den „Experten“ einfachste Mittel auch das, welches am besten zum Unternehmen passt. Um Unternehmen zu verstehen, darf man eben nicht nur ein Heavy Social Media-User sein. Diese nehmen Unternehmen nicht selten als träge Gebilde wahr, die ausschließlich linear kommunizieren. Dass es dafür – abseits der Unwissenheit – vielleicht auch noch andere Gründe gibt, muss man in der Wahl der Tonalität und Strategie berücksichtigen.

Deswegen muss man eine gewisse Schizophrenie entwickeln und sich um 180-Grad drehen, um als Social Media Experte Unternehmen helfen zu können. Man muss die Tools verinnerlicht haben („Get it“), aber man muss darüber hinaus auch wissen, wann es besser ist, die Tools auszusetzen und vom Gas zu geben. Auch in seiner eigenen Vermarktung als Social Media Experte.

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10 Kommentare zu “Der Blödsinn mit den Social Media Experten”

  1. Toller Artikel. Mir gefällt die Weisheit am Schluss: “Man muss die Tools verinnerlicht haben („Get it“), aber man muss darüber hinaus auch wissen, wann es besser ist, die Tools auszusetzen und vom Gas zu geben.”

    Professionelle Kommunikation im web2.0 bedeutet eigentlich immer eine Gratwanderung zwischen Informationen und Spam. Das muss man zwingend auf dem Zettel haben.

  2. Stefan sagt:

    Ich finde ebenfalls das Barry in seinem Artikel 1. eine sehr interessante Frage versucht zu beantworten und es ihm 2. relativ gut gelingt diese zu beantworten. In meinem XING-Profil steht ebenfalls Social Media Expert – ausschlaggebend dafür war zwar eher mein Chef, aber es passt imho ;) – sicher, der Begriff Experte ist in Anbetracht des jungen Stadiums von SM etwas hochgegriffen, aber es ist natürlich auch pers. Marketing ;)

    Das “Problem” liegt mMn einfach in der Berufsdefinition – es gibt keine. Es ist eine verhältnismäßige Mischung aus “Community Manager” und “Journalist” – es gibt kein entsprechendes Berufsbild/ Ausbildung und jeder kann sich als solcher bezeichnen. Interessant wären Vorschläge für alternative Bezeichnungen…

  3. Auf Grund des reißerischen Titels, hab ich mir mehr “Rat-Schläge” erwartet! ;)

    Dachte da kommt jetzt ne richtig schöne “Abrechnung” mit den Social Media Experten, und ich muss nen Blogeintrag mit dem Titel “Der Blödsinn mit den Bloggern” machen! *gg*

    Dabei ist es dann doch alles ganz harmlos….

    Als Social Media Marketer der davon lebt (und nicht nur davon träumt;)), muss ich großen Teilen absolut zustimmen.

    Allein das “GET IT” reicht mir nicht ganz – LIVE IT sollte es für mich heißen…

    Umsetzen und TUN – das ist es ja um was es geht!

    Eine Social Media Marketing Strategie entwerfen und umzusetzen ist aber auch erst der Anfang, denn SMM verändert auch das Unternehmen selbst.

    Kommunikationswege und “alte Verhaltensweisen” werden aufgedeckt – das erfordert dann auch einiges an Erfahrung in “Change Management” und Unternehmensberatung etc.

    Das “Handhaben” von sozialen Netzen allein ist zwar für viele Unternehmen schon pure “Magie” – es ist aber nicht die große Herausforderung.

    Diese sitzen tiefer, und verlangen einiges an Know-How in der konkreten Umsetzung IM und MIT dem Unternehmen!

    SMM ist ja keine Philosophie (wie es oft dargestellt wird) und schon gar keine “Religion” die man einfach übernimmt und damit auch automatisch “Teil” davon ist.

    Es ist ein harter Job! Ein Job mit und für Menschen!

    Die “Skills” eines SMM-Experten sind also vielfältiger als oben dargestellt.

    Ich sehe mich als:

    Psychologe, Verkäufer, PR´ler, Kommunikationstrainer, Unternehmensberater, Coach, Mediator usw

    Je nachdem was verlangt bzw gebraucht wird…

    Der Social Media Berater als “Experte” ist also ein Chamäleon.

    Das macht den Job aber auch so attraktiv und spannend!

    lg,
    Dieter

  4. Ich finde es interessant, was Stefan sagt. Es fehlt an einer Bezeichnung. Aber nicht nur das, es fehlt an Standarts. Und das lustige ist, dass hier eines Tages einer kommen wird, der ein “Zertifikat” fuer die Social Media Experten vergibt. Dann wird es den “Social Media Experten” offiziell geben und keiner wird sich fragen, warum sich der Zertifizierer nun als Experte sieht, denn das muss er offensichtlich sein um jemandem ein Zertifikat zu geben. Aber so geht es doch mit allen neuen Berufen.

  5. Roland sagt:

    Viel interessanter und weniger selbstreferenziell ist die Frage, an welchen Elementen der (klassischen) Außen- und Innenkommunikation eines Unternehmens (und Personen/Menschen) “Social Media” andockt. Außerdem brauchen wir -wie du völlig richtig schreibst- dringend “Experten”, die den reinen Blickwinkel allzu vorschneller Kommerzialisierungsansprüche verlassen (siehe Twitter). Das Social Web ist nicht in erster Linie entstanden, um Beratern, Prlern und Werbern ein neues Geschäftsfeld zu eröffnen, dass sogleich begrifflich zu Social “Media” gemacht wird, mit dem für die Medienprofis assoziierten Wohlklang werblich und kommunikativ besetzbarer Kanäle und Werbemodellen.
    Also Zustimmung: Runter vom Gas. Aber alle. Sonst wirkt bald noch nicht einmal mehr eine Unternehmensmeldung oder werbliche Ankündigung, dass es etwas zu verschenken gibt.

  6. Social Media Experte sagt:

    Du hast vollkommen recht!

    Nun müssen endlich Zertifikate für den Social Media Experten her.
    Daher heute das ultimative Angebot:
    – Hol dir jetzt dein Social Media Expert Zertifikat mit Twitter-Check!
    – Zahl per PayPal jetzt 1024€ und mach den Test
    – fällst du durch, ist der zweite umsonst

    Vorbereitungskurse jeden Sonntag per Twitter.
    Mit freundlichen Web 2.0 Gruß
    Deutschland erste Social Media Experte

    Ich denke in jeder Branche gibt es Leute die keine Experten sind, leider ist der Social Media Experte sicherlich schwer zu testen. Gucken was die Zukunft bringt.

  7. Valentin sagt:

    @Roland

    Vor allem zeigt Social Media etwas, was auch vorher eigentlich schon galt: Kommunikation muss im Unternehmen breit angelegt sein. Im Ideal: Eine Stabsstelle direkt unter/neben der Führung, die versucht immer einen Überblick über alle Kommunikationskanäle und Kommunikatoren (vom Marketing über die Rechtsabteilung bis zum twitternden Pförtner) zu behalten – und in erster Linie nichts anderes macht, als zu versuchen, den Kahn zu steuern, Klippen zu umschiffen, schöne Seitenkanäle anzusteuern, rauhe See und Flaute gleichzeitig zu meistern.

    Ich erlebe bei viel zu vielen Kunden noch das Gegenteil, konkurrierende Ansätze und überhaupt kein Gespür für ECHTE Gespräche mit Kunden und sämtlichen Stakeholdern. Zu oft klingt da nach meinem Geschmack eine Marketingsendungshaltung durch… Oder die Rechtsabteilung mahnt mal eben jemanden ab… Für dies alles braucht es Beratung von außen (oft=, ob man sich dabei nun Experte schimpft oder nicht.

  8. Roland sagt:

    @valentin Es kommt viel zu wenig Unternehmen in den Sinn, dass tatsächlich Unterhaltung, Gespräch und Persönlichkeit einen Markt macht. Tot ist dieses Gespräch allerdings in dem Moment, wo einer von beiden nach einem “Kommunikationsplan” handeln will. Ich sage daher in Erweiterung von Cluetrain mit einem etwas anderen Duktus: Gespräche werden Märkte – wenn das Gespräch denn “stimmt”.
    Warum stören sich viele Menschen z.B. hinter dem, was wir “Business Kasper” nennen?! Da stellt sich nämlich jemand auf, der seinen! Markt in den Mittelpunkt des Gespräches stellen will. Xing kann davon tausend Lieder über seine Mitglieder singen, aber auch andere Business Networks.
    Es wirkt aufgesetzt, grausam gewollt und nicht “echt” – um den inflationär missbrauchten Begriff der Authentizität nicht weiter zu strapazieren.

  9. EVIEgx sagt:

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  10. kansascagerz sagt:

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