Christian Jakubetz im Interview
8. November 2010 | Geschrieben | 1 Kommentar
Wie bereits Freitag angekündigt, startet heute ein Interview, in dem ich Christian Jakubetz befragen werde. Er hat ein Projekt ins Leben gerufen, das umgehend Sympathisanten und Mitstreiter gefunden hat: Nicht weniger als ein neues Lehrbuch für den Journalisten soll das Ergebnis sein.
Das Interview hat einen ganz eigenen Modus: Ich stelle Christian per Mail eine Frage, für deren Beantwortung er 24 Stunden Zeit hat. Anschließend habe ich 24 Stunden Zeit, eine neue Frage zu stellen und so weiter. Maximal zehn Fragen darf ich stellen. Sollte ich keine zehn Fragen brauchen, machen wir vorher Schluss. Wir werden das Ganze hier in Echtzeit im Blog dokumentieren.
Du verfasst mit einigen Mitstreitern ein Lehrbuch, das den aktuellen Ansprüchen an den modernen Journalisten gerecht werden möchte. Ganz konkret: Wie hat das Internet im Allgemeinen und Social Media im Besonderen die Arbeit des Journalisten verändert?
Christian Jakubetz: In erster Linie durch die veränderte Kommunikation mit dem Publikum, dem Nutzer. Zum einen begegnen wir heute dem Nutzer auf Augenhöhe, zumindest sollten wir das tun. Grundlegend dabei ist auch, dass wir es nicht mehr mit einer Kommunikation „One to many“ zu tun haben, sondern mit einem „many to many“. Da sind Journalisten nicht mehr nur als Produzenten von Inhalten und als Themengeber gefragt, sondern auch als Moderatoren von Debatten, auch wenn Letzteres vielleicht bei vielen noch nicht angekommen ist. Diese Tendenz ist durch soziale Netzwerke erheblich verstärkt worden. Deshalb sollten wir nicht einfach nur da sein und soziale Netzwerke automatisiert mit Inhalten fluten, sondern sie auch ganz gezielt zur Kommunikation nutzen.
Mir ist aber auch ein anderer Aspekt noch wichtig, der gerne übersehen wird. Viele Redaktionen und Journalisten klagen ja gerne, dass sie jetzt noch mehr Arbeit hätten. Tatsächlich aber bekommen sie mit dem (sozialen) Netz auch unglaubliches Potential an neuen Anregungen, Impulsen, Wissen und Rückmeldung dazu. Wenn man es gut und richtig macht und das alles nicht einfach nur als lästiges Muss sieht, dann können Journalisten davon enorm profitieren.
Du sprichst davon, dass sich Journalisten gegenüber der Many-to-Many-Kommunikation öffnen sollten. Warum eigentlich? Wir haben doch schon von einigen Verlagsgrößen gehört, dass mit Journalismus im Netz nichts bzw. nur “lousy pennies” verdient werden kann.
Christian Jakubetz: Achja, die berühmten lousy Pennies. Die halte ich zwar für eine nette, weil prägnante Formulierung, aber inhaltlich ist sie natürlich Unsinn. Es wird ja Geld verdient im Netz und das gar nicht mal so schlecht. Springer beispielsweise geht davon aus, in wenigen Jahren die Hälfte seiner Umsätze im Netz zu erzielen. Davon abgesehen: Wir müssen ganz einfach. Die Kommunikation der vielen zu vielen ist ja schon lange im Gang. Wir haben also nicht mehr die Wahl, ob wir eine solche Kommunikation verhindern wollen. Sondern nur noch, ob wir uns an ihr beteiligen oder ob wir schweigend in der Ecke stehen. Letzteres ist keine so gute Idee, wie jeder weiß, der mal auf einer Party war und sich schweigend in die Ecke gestellt hat. Dann sprechen halt die anderen nicht mit dir, die Party brechen sie deswegen nicht ab.
Und ganz nebenbei finde ich es ja immer wieder erstaunlich, warum man diese Sache so sehr debattiert. Ich dachte immer, Journalisten seien in einem kommunikativen Beruf.
Bisher war es die Aufgabe eines Journalisten, Themen zu recherchieren und Artikel zu verfassen. Nun sprichst Du an, dass sie auch Debatten moderieren sollen. Wird das Lehrbuch, das Du verfasst, also ein Werk, in dem man Mediation lernt? Worum geht es konkret?
Christian Jakubetz: Lernen wird man das nicht können im Sinne von Ausbildung. Natürlich werden wir im Buch ausdrücklich darauf hinweisen, wie sehr sich die Rolle des Journalisten dadurch verändert. Und dass er zum ständigen Dialog bereit sein muss und dass er ggf. irgendwann mal viel Zeit darin investiert, Diskussionen über seine Sachen zu moderieren. Lernen würde ich das also nicht nennen wollen, eher kapieren. Und vielleicht handelt es sich da auch um einen Prozess, der noch viele Jahre gehen wird. Einen Akzeptanz-Prozess, wenn man so will. Unser Autor Dirk von Gehlen erzählt das regelmäßig: Es sei kein Problem, guten journalistischen Nachwuchs für eine Seite wie jetzt.de zu gewinnen. Einen guten Community-Manager allerdings, der sich auch und vor allem als Journalist begreift, den bekommt er fast nicht. Communities und Debatten mit Nutzern werden vielfach einfach immer noch nicht als Journalismus begriffen.
Ich habe das Gefühl, dass Euer Lehrbuch gar nicht so sehr nur einen neuen Journalismus propagiert sondern insgesamt einen Mentalitäts-Wandel hin zu mehr Verantwortung für seine Taten. Sehe ich das richtig?
Christian Jakubetz: Richtig erkannt. Diese neuen Anforderungen an Journalisten wird man nur mit einer neuen Denkweise bewerkstelligen können. Das ist natürlich etwas schwierig, neues Denken zu „lehren“. Aber wir wollen immer wieder darauf hinweisen und daran appellieren. Ich glaube allerdings, dass es gar nicht mal so sehr um mehr Verantwortung geht. Verantwortungsvolles Handeln durfte man von Journalisten schon vorhger einfordern, denke ich. Es geht eher um mehr Flexibilität, mehr unternehmerisches Handeln, mehr Vielfalt. So abgedroschen das auch klingen mag. Aber wenn man sich den Alltag in vielen Redaktionen ansieht, dann hat man eine Ahnung, dass man so etwas gar nicht oft genug und abgedroschen genug sagen kann.
Unternehmerisches Handeln erfordert aber auch Unternehmen, die ein solches Verhalten zulassen bzw. fördern. Sind denn die Verlage so weit, ihren Mitarbeitern so viel Vertrauen entgegenzubringen, dass diese in der Lage sind, unternehmerisch zu denken und zu handeln?
Christian Jakubetz: Ich würde die Frage eigentlich so nicht stellen wollen. Zum einen deswegen nicht, weil es ja nicht nur um Verlage geht. Und zum anderen müsste man fairerweise fragen: Sind denn eigentlich auch die Mitarbeiter schon so weit, dass sie wirklich verstärkt unternehmerisch denken und handeln? Ich bin sowohl bei Mitarbeitern als auch Arbeitgebern sehr skeptisch. Es gibt vermutlich gute Gründe, warum es so wenige Selbständige bzw. Unternehmer gibt. Umgekehrt ist es auch so, dass leider viele Unternehmen ihren Mitarbeitern nur wenige Freiräume dafür lassen. Zusammengefasst: Es müsste sich sowohl in den Köpfen der Mitarbeiter noch viel ändern als auch in den Unternehmenskulturen noch viel ändern. Wenn es denn überhaupt jemals soweit sein sollte, dann wird das noch ein Prozess über viele Jahre hinweg sein.
Aber ketzerisch gefragt: Wozu brauchen wir überhaupt noch Verlage? All die Tugenden, die Du bezüglich eines neuen, modernen Journalismus ansprichst, existieren bereits heute – unter Bloggern. Sind Blogger nicht die besseren Journalisten der Zukunft?
Christian Jakubetz: Zum einen: Man wird sicher auch weiterhin Unternehmen benötigen, die in der Lage sind, eine Infrastruktur für Massenmedien sicherzustellen. Dazu werden auch künftig weiterhin beispielsweise große Redaktionen, ein vernünftiges Management und die entsprechenden technischen Voraussetzungen gehören. Und selbst wenn man wirklich an ein komplettes Verschwinden von Printmedien glauben würde – was ich nicht tue – dann müsste man eine IT-Struktur haben, die das Aufkommen von sehr hohen Nutzerzahlen bewältigen kann. Und eine Redaktion, die wirklich dauerhaften Informationsfluss sicherstellen kann. Ob das dann zwingend noch die heutigen großen Player im Markt sein müssen, ist dann wieder eine ganz andere Frage. Die „Huffington Post“ ist dafür ein schönes Beispiel: Natürlich bezeichnet sie sich immer noch als Blog, die bisherigen Großverlage haben auch nichts mit ihr zu tun. Aber die Struktur und die Arbeitsweise der „Huffington Post“ sind dann doch eher wieder klassisch.
Ob Blogger die besseren Journalisten sind? So pauschal würde ich das auf keinen Fall sagen wollen. Bei den guten Bloggern stelle ich zum einen häufig fest, dass sie oft irgendwie auch einen journalistischen Hintergrund haben. Zum anderen gibt es ja unbestritten auch jämmerlich schlechte Blogs. Also, ich warne einfach mal vor Pauschalisierung „gute Blogger – doofe Journalisten“. Dass ich auf der anderen Seite meistens bei den Bloggern die interessanteren Ideen und Konzepte als beim klassischen Old-School-Journalisten finde, ist dafür auch wieder wahr.
Wieso gibt es in Deutschland kein Äquivalent zur Huffington Post? Oder anders: Wieso ist nicht ein einziges digitales Publikationsorgan entstanden, das für die Masse relevant und zugleich unabhängig ist?
Christian Jakubetz: Upps, zugegeben, du erwischt mich auf dem falschen Fuß. Ich habe keine wirklich plausible Antwort, die sich sofort aufdrängen würde. Vielleicht – aber das ist natürlich Spekulation – liegt es tatsächlich daran, dass in unseren Medienszene die Risikobereitschaft nicht sonderlich ausgeprägt ist. Und dass man bei uns gerne glaubt, dass wirklich große und relevante Medien nur in den Strukturen eines etablierten und möglichst großen Konzerns funktioniert. Oder daran, dass man sich bei uns ohnehin die ganze Zeit einredet, dass im Netz ja nichts zu verdienen sei.
Auf der anderen Seite redet es sich natürlich leicht: Ich weiß auch nicht, ob ich mich trauen würde, in ein komplett unabhängiges Magazin, ohne Verlängerung in die Offlinewelt, richtig Geld zu investieren. Es gibt ja doch auch im Publikum einen erheblichen Unterschied zwischen Theorie und Praxis, das war schon immer so. Fragt man die Leute, ob die ein neues Magazin lesen oder eine neue Zeitung kaufen würden, dann heißt es erst mal schnell: ja, super, wollen wir, machen wir, unterstützen wir. Wenn´s das Neue dann erst mal gibt, dann stellt man leicht mal fest, dass es eben zwischen ankündigen und machen doch einen beträchtlichen Unterschied gibt.
Ein letztes noch: In den USA stößt man sich nicht daran, dass ein Blog eine solche Position einnimmt. In Deutschland ist es ja als Blogger häufig immer noch unmöglich, auf eine Recherfrage eine Antwprt einer Presseabteilung zu bekommen – geschweige denn eine Akkreditierung für irgendwas.
Vollziehen wir mal den Seitenwechsel: Wenn sich die Struktur und Arbeitsweisen der Medien verändern, wirkt sich das natürlich auch auf die Kommunikationsarbeit von Unternehmen und Institutionen aus? Wie sieht nach Deinem Verständnis die perfekte Öffentlichkeitsarbeit im Jahr 2010/2011 aus?
Christian Jakubetz: Klingt wahrscheinlich paradox – aber sehr viel muss sich nach meinem Dafürhalten gar nicht ändern. Klar muss sich heute auch Öffentlichkeitsarbeit auf mehrere und natürlich auch digitale Kanäle konzentrieren. Aber die Anforderungen, die ich auch an gute Öffentlichkeitsarbeit habe, die hatte ich auch schon vorher. Ein schönes Beispiel ist zum Beispiel die Authenzität und die Offenheit, die neuerdings alle fordern. Schön und richtig, aber hätte sie das vorher nicht auch sein sollen? Deswegen bin ich auch ein wenig skeptisch, wenn jetzt alle danach schreien, Öffentlichkeitsarbeit habe sich fortan massiv in sozialen Netzwerken zu vollziehen. Das sehe ich nur eingeschränkt, offen gestanden. Klar, für manches eignet sich das ziemlich gut, aber andere sehe ich da gar nicht. Und um ehrlich zu sein: Ich will auch gar nicht unbedingt „Fan“ oder „Freund“ von manchen Unternehmen sein, bei vielen reicht es mir, wenn ich gute und kompetente Informationen bekomme. Aber mit diesem ganzen Lasst-uns-Freunde-sein-und-darüber-reden-Getue kann ich nicht viel anfangen. Aber vielleicht ist das auch nur geschmäcklerisch.
Sicher bin ich mir allerdings, dass Öffentlichkeitsarbeit schneller und gegebenenfalls auch flexibler werden muss. Reaktionszeiten, die in der analogen Welt noch angemessen gewesen wären, sind im digitalen Zeitalter oftmals unerträglich.
Ich bin ein wenig verwundert. Ihr schreibt ein gänzlich neues Lehrbuch, aber aus dem Gespräch habe ich nicht das Gefühl, dass sich Deiner Ansicht viel ändern soll. Wozu überhaupt das Buch?
Christian Jakubetz: Ich kann deine Frage leider schon wieder nicht so ganz eindeutig beantworten. Ich sperre mich dagegen zu sagen: Der ganze Journalismus muss einfach anders werden. Im Gegenteil, in mancher Hinsicht bin bin ich ziemlich konservativ. Ich hätte gerne, dass so uralte Tugenden wie gute Recherche, sauberes und gutes Deutsch oder ausgewogene Darstellungen wieder stärker in den Mittelpunkt der Debatte rücken. Ich glaube, dass wir darüber viel zu wenig reden. Und ja, ich glaube auch, dass vor lauter Debatten über Social Media und crossmedialen Journalismus das gute, alte Handwerk etwas zu kurz kommen. Also bitte, von mir aus lernt das aus uralten Büchern — aber lernt es. Ich sitze manchmal – ehrlich gesagt -ziemlich fassungslos in Volontärsseminaren und staune, wie sehr es bei manchen an Grundlagen fehlt.
Auf der anderen Seite: Wenn sich nichts ändern müsste, müssten wir dieses Buch nicht schreiben, da hast du recht. Vor allem wird das, was man Journalisten abverlangt, in Zukunft immer mehr. Es gab vermutlich noch nie eine Journalistengeneration, der man so viel abverlangt hat. Und das können naturgemäß die Ausbildungsbücher, die bisher auf dem Markt sind, nicht leisten. Es geht also um dreierlei, was sich ändert. Erstens: Der reine Umfang, die Quantität dessen, was Journalisten leisten müssen. Zweitens: Der deutlich gestiegene Umfang an Handwerk. Drittens: Die Herangehensweise an eine Geschichte, das vernetzte Denken. Letzteres ist aus meiner Sicht der entscheidende Schwerpunkt im Buch. Wir müssen klar machen, dass ein neuer, digitaler Journalismus nicht einfach daraus besteht, die verschiedenen Kanäle vollzumüllen und darüber dann noch einen RSS-generierten Tweet abzusetzen.
Kurz gesagt, da klaue ich gerne bei Grönemeyer: Bleibt alles anders.
