Das schlechte Gewissen in der Fußgängerzone
27. August 2010 | Geschrieben | 2 Kommentare
Hin und wieder laufe ich über die Friedrichstraße – auf dem Weg zum nächsten Termin, zu Starbucks oder, zur S-Bahn oder in die Reinigung. Vielleicht kennt Ihr den Abschnitt zwischen Dussmann und Unter den Linden: Ständig stehen dort Menschen und werben um Aufmerksamkeit. Entweder weil sie Unterschriften gegen Folterung im Iran (bin ich immer dabei), gegen Tierversuche (bin ich immer dabei) und gegen Kapitalismus (ignoriere ich) sammeln, oder es handelt sich dabei um Spendenorganisationen, die mit einer Büchse Geld für Obdachlose (werfe ich immer etwas ein) oder gegen Tierversuche (werfe ich immer etwas ein) sammeln. Bisweilen sitzt da auch ein Kind und spielt auf dem Akkordeon immer und immer wieder die gleiche Sequenz (ignoriere ich, weil ich Kinderarbeit – als solche verstehe ich das nicht unterstüze).
Aktuell unterstütze ich diverse Hilfsorganisationen finanziell für den Wiederaufbau und die unmittelbare Hilfe in Pakistan. Ich habe ehrlich gesagt keine Ahnung, wie viel ich bereits gespendet habe. Ich glaube, das tut auch nichts zur Sache. Wann immer mir ein Anliegen begegnet, das mir unterstützenswert erscheint, zücke ich die Kreditkarte und bin bereit, meinen Beitrag zu leisten, um Menschen, die nicht ganz so viel Glück im Leben haben wie ich, zu helfen.
Unbehagen bereiten mir Organisationen, die sich mit jungen Menschen (in der Regel Studenten) in der Fußgängerzone aufbauen und ein permanentes Engagement von mir verlangen. Natürlich könnte ich es mir leicht machen und nicht stehen bleiben, doch ich will ja helfen, also höre ich zu und lerne, dass die eine Organisation Kinder in Afrika unterstützt, die andere Flutopfern in Asien hilft und die dritte in Südamerika Schulen baut. Alles ehrbare Ziele. Und mit Sicherheit auch integre Organisationen. Nur bin ich nicht Bereit, mich spontan und ohne für mich ausreichende Informationen über einen längeren Zeitraum an eine Institution zu binden. Ich bitte dann um einen Prospekt, schaue später online, wie transparent die jeweilige Organisation arbeitet, ob es negative Schlagzeilen über sie gibt und entscheide schließlich.
Zunehmend agieren Vertreter auf der Straße aggressiv, wenn ich nicht sofort unterschreibe. „Haben Sie denn kein schlechtes Gewissen…?“ Aber hört mal. Unentwegt. Und darum bleibe ich stehen, höre Euch zu, informiere mich und spende. Vielleicht nicht bei Euch. Aber das liegt dann auch an Euch. An Eurer Ungeduld. Und auch daran, dass Ihr mich überfallt und mich nicht nachdenken lasst. Es ärgert mich unendlich doll, dass auf der Erde Menschen leiden und wir eher zu wenig denn zu viel tun. Nur: Sich mit der Brechstange in die Fußgängerzone zu stellen und ständig die Moralkeule rauszuholen, löst keine Probleme. Vielmehr bewirkt diese Art von Aktionismus das Gegenteil: Verdrossenheit. Und das wäre buchstäblich tödlich.
In möchte die Gelegenheit nutzen und Euch auf „Hilfe für Pakistan“ sowie „Helfen Sie Pakistan“ hinweisen. Das Gute daran ist: Es stehen eine Vielzahl von Informationen Bereit, wofür die Gelder verwendet werden und wie viel bereits zusammengekommen ist.
