Das hier ist das private Blog von Sachar Kriwoj. Ich arbeite für die E-Plus Gruppe als Manager Digital Public Affairs.

Artikel getagged für ‘blogosphäre’

Der Lobo-Faktor als Last

12. November 2009 | Geschrieben | 9 Kommentare

Zugegeben: Ich habe ein etwas ambivalentes Verhältnis zu Sascha Lobo. Einerseits bewundere ich ihn dafür, dass es ihm gelungen ist, aus dem Internet heraus eine so starke Personenmarke aufzubauen, dass mittlerweile auch die klassischen Medien nicht umhin kommen, ihn als Experten zu befragen. Andererseits empfinde ich einige seiner Thesen als Anbiederung, um genau diesen medialen Effekt zu erreichen. Darüber hinaus aber, und das ist der für mich entscheidende Faktor, habe ich Sascha, wann immer ich ihn persönlich traf und sprach, was nicht besonders häufig vorkam, als sehr netten, zuvorkommenden, höflichen und vor allem verbindlichen Menschen erlebt. Gerade das verbindliche Element nötigt mir am meisten Respekt ab, da das bei den meisten Akteuren im deutschen Web 2.0 ein Mangel zu sein scheint. Weiterlesen

Paid Content?! Das wäre der Sieg der Blogosphäre

9. Februar 2009 | Geschrieben | 6 Kommentare

Die Krise, die Krise. Abgesehen davon, dass sie so manch einem den Job kostet, sorgt sie auch dafür, dass einige Dinge in Frage gestellt werden, an die wir uns längst gewöhnt haben: Kostenlose Medienangebote zum Beispiel sollen demnächst der Vergangenheit angehören. Paid Content is coming back.

Wie absurd: Gerade das Internet hat durch Wikipedia dazu geführt, dass nunmehr fast jeder Mensch in der wesentlichen Welt kostenlosen Zugang zu Wissen hat, durch Youtube zu kostenlosen Videos, durch roccatune zu kostenloser Musik und durch die kostenlosen Medienangebote wie Spiegel Online, Bild Online oder Welt Online zu Nachrichten, Kolumnen und Analysen.

Nun aber, wo die Krise das Geld knapp werden lässt und die Werbeerlöse noch nicht so hoch sind wie prognostiziert und kalkuliert, sucht man nach Alternativen und zieht eben auch die Einführung kostenpflichtiger Angebote in Erwägung. Dieser Schritt aber könnte nach hinten losgehen und eine Medienrevolution auslösen.

Erinnern wir uns, wie es zu Beginn des 21. Jahrhunderts war, als im Internet einige Medien nur gegen Bezahlung zu nutzen waren: Es gab wenig Alternativen, so dass man notgedrungen zahlen oder auf Nachrichten verzichten musste. Zum einen waren noch nicht alle Medien mit einer eigenen Online-Präsenz im Netz. Zum anderen aber gab es noch keine Blogs – zumindest nicht in der Breite und Professionalität, wie wir sie heute kennen.

Wenn also Spiegel Online, die Netzeitung, Stern Online u.s.w. künftig einen Obulus verlangen, dann verlieren sie in erster Linie die Meinungsführerschaft im Netz, weil Viele nicht bereit sein werden, für die Inhalte, die sie bisher kostenlos nutzen konnten, zu zahlen. Darüber hinaus werden sie bei Google an Relevanz verlieren, weil die Seiten weniger verlinkt werden (Randnotiz: Wird dadurch auch Google an Relevanz verlieren?). Die Zeit wäre also reif für alternative Nachrichtenmedien – für Blogs eben.

Wie Blogger schreiben nicht, weil wir damit primär Geld machen wollen, sondern weil es unsere Passion ist. Mittlerweile sind wir durch twitter schneller als die Nachrichtenseiten. Wenn also in China ein Sack Reis umfällt, dann wissen wir es noch vor Spiegel Online. Uns fehlt die professionelle Ausbildung, über die Journalisten ohne Zweifel verfügen. Das aber machen wir durch Leidenschaft und Engagement wett. O.K., uns fehlt das Know How, um gewisse Vorgänge richtig einzuordnen, aber dadurch, dass einige Redaktionen gerade massiv rationalisiert werden, holen wir auf. Und: Wir sind authentisch.

Es ist schon eigenartig, dass ausgerechnet im Jahr 2009, in dem die Konferenz next09 sich das Motto „Share Economy“ auf die Fahnen schreibt, ausgerechnet die Medienbranche in die entgegengesetzte Richtung, hin zur Steinzeit, bewegt.

In den letzten Monaten wurde wieder vermehrt über Blogs diskutiert – vor allem durch den Verkauf von Basic Thinking. Wenn es nun wirklich dazu kommen sollte, dass Paid Content wieder in Mode kommt, dann steht uns der große Siegeszug von Blogs erst bevor.

Das darf nicht unsere Diskussionskultur sein

6. Januar 2009 | Geschrieben | 21 Kommentare

Wer mich besser kennt, weiß, wie sehr ich die direkten Kommunikationskanäle Blogs und twitter schätze. Ich kann und möchte nicht verstehen, dass jemand auf diese Möglichkeiten verzichtet. Nicht jeder muss dabei zu so einem Heavy User avancieren, wie ich es bin. Nur: Gerade twitter ermöglicht die Ansprache an eine sehr große Gruppe – und das fast in Echtzeit. Doch ebenso wie beim Bloggen gilt auch beim Twittern die Devise: Content is King. Wer den ganzen Tag nur davon berichtet, das er sich gerade die Schnürsenkel zubindet oder zum Einkaufen geht, wird vielleicht ein paar Follower gewinnen, aber kein große (und auch keine kleine) Masse erreichen. Ebenso wenig bin ich kein Freund von twitter-Accounts, die nur dazu genutzt werden, um Links auf Pressemitteilungen zu setzen. Wer erfolgreich twittern und bloggen möchte, muss sich auf seine Follower bzw. Leser einlassen und ihnen auch antworten.

Ich muss das mal loswerden, weil es mich gerade massiv nervt, dass es einige Leute gibt, die Thorsten Schäfer-Gümbel, den hessischen SPD-Spitzenkandidaten, in den Himmel loben – nur weil er twittert. Dass er es tut, ist gerade nach Obamas Sieg in den USA, keine Besonderheit sondern vollkommen normal. Zumindest in meinen Augen. Dass er es erst seit dem 4. Januar tut, zeigt aber auch, dass twitter zu einem Wahlkampf-Instrument verkommen ist. Es würde mich nicht wundern, wenn TSG, wie sich Schäfer-Gümbel selbst nennt, schon am 20. Januar, zwei Tage nach der Wahl in Hessen, twitter wieder an den Nagel hängt.

Ich möchte weder Schäfer-Gümbel noch Roland Koch, Hessens Miniterpräsidenten und Spitzenkandidaten der CDU, angreifen. Auch wenn ich denke, dass sie – wie alle anderen deutschen Politiker – endlich anfangen sollten, mit den Bürgern über moderne Kommunikationskanäle zu reden und sich nicht nur auf die vorderen Listenplätze zu verlassen.

Aber ich möchte sehr wohl die aktuelle Kampagne einiger auch sehr prominenter Blogger kritisieren: Nico Lumma ist ein Mann, den ich sehr schätze. Für seinen Zynismus, vor allem aber für sein umfangreiches Know How und sein stets offenes Ohr. Dass er aber in seinem Posting über twitter-Aktivitäten von TSG nur die SPD-Aktionen verlinkt, die der CDU aber nicht, obwohl er sie erwähnt, ist nicht gerade das, was man feinen Stil nennt. Ich möchte auch nicht ausschließlich Nico Lumma allein an den Pranger stellen, sondern die Kritik auf all die ausweiten, die nichts Besseres zu tun haben, als bei twitter den Hashtag „kochmussweg“ hinter ihre „TSG ist so toll“-tweets zu setzen. Ist das unsere neue Diskussionskultur?

Content is King – und das sollte er auch bleiben. twitter beschränkt unsere Kommunikation auf 140 Zeichen. Das heißt aber nicht, dass wir in Zukunft gänzlich auf eine gesunde Argumentation verzichten sollten. Warum muss denn Koch weg? Oder warum sollte er bleiben? Die Antworten auf diese Fragen können auch 140 Zeichen lang sein, oder zumindest einzelne.

Vor einigen Monaten hat mich der Wahlkampf in den USA unendlich fasziniert, weil Obama als erster prominenter Politiker die Möglichkeiten des Internets umfassend nutzte. Aber auch weil er mit Slogans („Yes we can“ und „Change“) zum Präsidenten gewählt wurde. Auch wenn ihm meine Sympathien gehörten und nach wie vor gehören, fehlte mir das Programm zu den Slogans. Oder aber zumindest die Kommunikation dessen.

Und nun erleben wir eben das Gleiche in Deutschland: „Koch muss weg.“ Wie armselig sind wir geworden, dass das ein Argument sein soll, um TSG zu wählen? Gibt es keine Argumente, die für die hessische SPD sprechen?

So sehr ich auch auf Blogs und twitter schwöre und setze – aber wenn das unsere Kommunikation der Zukunft sein soll, dann kann es keine Gute sein.

Disclaimer: Mein Posting ist nicht politisch motiviert. Auch wenn ich einst Mitglied der SPD war, gehöre ich heute zum Kreis der Wechselwähler. Ich stehe der CDU nicht einen Meter näher als der SPD, der FDP oder irgendeiner anderen bürgerlichen Partei der Mitte. Und alle Parteien außerhalb der Mitte interessieren mich noch weniger.