Wer mich besser kennt, weiß, wie sehr ich die direkten Kommunikationskanäle Blogs und twitter schätze. Ich kann und möchte nicht verstehen, dass jemand auf diese Möglichkeiten verzichtet. Nicht jeder muss dabei zu so einem Heavy User avancieren, wie ich es bin. Nur: Gerade twitter ermöglicht die Ansprache an eine sehr große Gruppe – und das fast in Echtzeit. Doch ebenso wie beim Bloggen gilt auch beim Twittern die Devise: Content is King. Wer den ganzen Tag nur davon berichtet, das er sich gerade die Schnürsenkel zubindet oder zum Einkaufen geht, wird vielleicht ein paar Follower gewinnen, aber kein große (und auch keine kleine) Masse erreichen. Ebenso wenig bin ich kein Freund von twitter-Accounts, die nur dazu genutzt werden, um Links auf Pressemitteilungen zu setzen. Wer erfolgreich twittern und bloggen möchte, muss sich auf seine Follower bzw. Leser einlassen und ihnen auch antworten.
Ich muss das mal loswerden, weil es mich gerade massiv nervt, dass es einige Leute gibt, die Thorsten Schäfer-Gümbel, den hessischen SPD-Spitzenkandidaten, in den Himmel loben – nur weil er twittert. Dass er es tut, ist gerade nach Obamas Sieg in den USA, keine Besonderheit sondern vollkommen normal. Zumindest in meinen Augen. Dass er es erst seit dem 4. Januar tut, zeigt aber auch, dass twitter zu einem Wahlkampf-Instrument verkommen ist. Es würde mich nicht wundern, wenn TSG, wie sich Schäfer-Gümbel selbst nennt, schon am 20. Januar, zwei Tage nach der Wahl in Hessen, twitter wieder an den Nagel hängt.
Ich möchte weder Schäfer-Gümbel noch Roland Koch, Hessens Miniterpräsidenten und Spitzenkandidaten der CDU, angreifen. Auch wenn ich denke, dass sie – wie alle anderen deutschen Politiker – endlich anfangen sollten, mit den Bürgern über moderne Kommunikationskanäle zu reden und sich nicht nur auf die vorderen Listenplätze zu verlassen.
Aber ich möchte sehr wohl die aktuelle Kampagne einiger auch sehr prominenter Blogger kritisieren: Nico Lumma ist ein Mann, den ich sehr schätze. Für seinen Zynismus, vor allem aber für sein umfangreiches Know How und sein stets offenes Ohr. Dass er aber in seinem Posting über twitter-Aktivitäten von TSG nur die SPD-Aktionen verlinkt, die der CDU aber nicht, obwohl er sie erwähnt, ist nicht gerade das, was man feinen Stil nennt. Ich möchte auch nicht ausschließlich Nico Lumma allein an den Pranger stellen, sondern die Kritik auf all die ausweiten, die nichts Besseres zu tun haben, als bei twitter den Hashtag „kochmussweg“ hinter ihre „TSG ist so toll“-tweets zu setzen. Ist das unsere neue Diskussionskultur?
Content is King – und das sollte er auch bleiben. twitter beschränkt unsere Kommunikation auf 140 Zeichen. Das heißt aber nicht, dass wir in Zukunft gänzlich auf eine gesunde Argumentation verzichten sollten. Warum muss denn Koch weg? Oder warum sollte er bleiben? Die Antworten auf diese Fragen können auch 140 Zeichen lang sein, oder zumindest einzelne.
Vor einigen Monaten hat mich der Wahlkampf in den USA unendlich fasziniert, weil Obama als erster prominenter Politiker die Möglichkeiten des Internets umfassend nutzte. Aber auch weil er mit Slogans („Yes we can“ und „Change“) zum Präsidenten gewählt wurde. Auch wenn ihm meine Sympathien gehörten und nach wie vor gehören, fehlte mir das Programm zu den Slogans. Oder aber zumindest die Kommunikation dessen.
Und nun erleben wir eben das Gleiche in Deutschland: „Koch muss weg.“ Wie armselig sind wir geworden, dass das ein Argument sein soll, um TSG zu wählen? Gibt es keine Argumente, die für die hessische SPD sprechen?
So sehr ich auch auf Blogs und twitter schwöre und setze – aber wenn das unsere Kommunikation der Zukunft sein soll, dann kann es keine Gute sein.
Disclaimer: Mein Posting ist nicht politisch motiviert. Auch wenn ich einst Mitglied der SPD war, gehöre ich heute zum Kreis der Wechselwähler. Ich stehe der CDU nicht einen Meter näher als der SPD, der FDP oder irgendeiner anderen bürgerlichen Partei der Mitte. Und alle Parteien außerhalb der Mitte interessieren mich noch weniger.