Das hier ist das private Blog von Sachar Kriwoj. Ich arbeite für die E-Plus Gruppe als Manager Digital Public Affairs.

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19. Juli 2010 | Geschrieben | 0 Kommentare

Es ist schon ein wenig eigenartig: Als das iPad plötzlich da war, enttäuschten mich viele Medien-Angebote: Die Apps sahen in der Regel so aus wie Print – nur eben digitalisiert. Nach wie vor ist das oftmals – etwa in Springers iKiosk oder auch im Fall der brand eins – der Fall. Und dann gibt es ganz andere Beispiele wie The Iconist. Das Magazin ist wilder, Texte fahren von unten nach oben und wieder zurück, man bekommt sehr viel Bewegtbild angeboten und weiß nicht so recht, wo man noch nicht geklickt hat und wo man noch klicken kann.

Foto (1)

The Iconist richtet sich vom redaktionellen Angebot an eine Zielgruppe, mit der ich so viel nicht gemein habe: Es geht um Haute Couture, luxuriöse Restaurants und Lifestyle. Ich nenne das oft „Themen für den Hintergrund“, also ein Nice-to-Have auf den hinteren Seiten. Dummerweise fehlt The Iconist der „vordere“ Bereich. Dabei bin ich gar nicht so sehr auf härtere Themen wie Wirtschaftskrise oder Finanzwirtschaft aus – sehr wohl aber lege ich großen Wert auf eine etwas ernsthaftere und nicht ganz beiläufige inhaltliche Tiefe. Man kann großartige Artikel über Jamie Oliver schreiben. Oder auch über Prada. Das Problem an The Iconist ist: Jeder Artikel wirkt wie ein geschönter PR-Text. Gefällig, zu rund und ohne Spannungsbogen. Insofern animiert mich das Format kaum zum Lesen.

Nur: Um das Lesen soll es, das vermute ich, bei The Iconist auch gar nicht gehen. Man klickt sich durch hochwertig animierte Modestrecken, schaut sich das Edel-Restaurant Grill Royal von innen an und wundert sich nur geringfügig, dass ein integrierter Mercedes-Spot wie Werbung aussieht (es ist Werbung!). Konzeptionell ist Vieles richtig gemacht worden: Kluge Köpfe haben sich lange überlegt: Wie können wir das neue iPad-Format so nutzen, dass man darüber spricht? Dass der Nutzer hier und da ein wenig überfordert ist, weil die neue Art der Medien-Nutzung erst gelernt werden möchte – geschenkt.

Nur: Ich merke, dass für mich auch am iPad nicht die Aufmachung entscheidend ist – sondern die Inhalte selbst. Den Spiegel lese ich gerne auf dem iPad, weil die Artikel – Kritik am Spiegel hin oder her – wirklich fundiert und interessant sind. Und das obwohl es ein besseres pdf ist. Wired ist wohl wirklich das bislang einzige Magazin, dem es gelingt, die aus dem Print bekannten genialen Inhalte mit den Möglichkeiten vom iPad zu vermengen, so dass etwas Besseres entsteht.

The Iconist hingegen ist eine nette Spielerei. In meinen Augen nicht mehr. Aber auch nicht weniger. Vor knapp zwei Wochen wurde es im Hotel de Rome „gelauncht“ (heißt: Man steht rum, schaut schönen Menschen dabei zu, wie sie das iPad anfassen, drehen, lachen, es wieder drehen und noch lauter lachen; fortwährend bietet jemand was zu essen an und auf einmal spricht jemand im Hintergrund). Ich habe mich ganz kurz mit Brian O’Connor (Creative Director der Welt Gruppe, in der The Iconist erscheint) unterhalten. Er meint, sie würden die Aufmachung fortwährend optimieren. Gerne hätte ich ihm gesagt, dass das so schon ganz ok ist, sie aber viel mehr auf die Inhalte achten sollten. Dann dachte ich aber: Na ja, wird schon werden.

Brian O'Connor mit Julia Knolle (Les Mads) und Teresa Bücking (Freitag)

Brian O'Connor mit Julia Knolle (Les Mads) und Teresa Bücker (Freitag)

Wenn schnell auf einmal nicht mehr schnell genug ist

15. Oktober 2009 | Geschrieben | 5 Kommentare

Ein Tag besteht aus 24 ganzen Stunden. Hatte er früher auch. Diese „Weisheit“ ist also keine Neuigkeit. Ich muss mir das aber gerade mal dringend bewusst werden lassen. Denn „Echtzeitkommunikation“ ist so en vogue, dass ich vor kurzem darüber sogar auf einer Konferenz reden durfte. Nur: Bleibt da nicht etwas auf der Strecke, wenn alles schneller, leichter und direkter wird?

Ich saß gestern im Zug von Berlin nach Frankfurt. Im Gepäck hatte ich meinen Blackberry (beruflich), mein iPhone (privat) und meinen Laptop samt UMTS-Karte (beruflich). Während ich aus dem Fenster schaute und mich – kein Witz – am Anblick von Stauseen in Niedersachsen erfreute, vibrierte mein Blackberry. Eine neue Mail im Postfach. Eine Anfrage. Ich möge doch bitte einen Entwurf freigeben. Kein Vermerk, inwiefern das dringend ist. Nach meinem Empfinden keine Sache von Leben und Tod. Vielmehr meinte ich, das könnte mindestens einen Tag warten, bis ich wieder im Büro bin und den Entwurf auf einem großen Monitor betrachten kann. Also antwortete ich nicht direkt und widmete mich wieder der Landschaft. Keine zwei Stunden später – diverse Mails waren dazwischen eingetroffen, manche wichtig, andere nicht – eine neue Mail vom gleichen Absender. Ob ich ihn vergessen hätte?

Ich liebe die Zeit, in der wir leben. Ich liebe twitter, ich liebe Mail, irgendwann werde ich bestimmt auch Wave lieben – wenn ich es bis dahin verstanden habe. Ich finde es toll, dass ich, während ich gerade im Zug sitze, einen Text schreiben kann und ihn wenige Minuten später die ganze Welt lesen kann. Ich finde es großartig, dass meine Schwester am anderen Ende der Welt via facebook mein Leben verfolgen kann – quasi in dem Moment, in dem ich darüber berichte. Lange war mir schnell nicht schnell genug. Ich wollte sofort und unmittelbar auf Fragen antworten – und erwartete, dass man mir ebenso schnell auf meine Anliegen erwidern würde. Plötzlich aber komme ich nicht mehr mit, weil ich merke, dass mir hin und wieder das fehlt, was man dringend braucht, um aus guten Ideen sehr gute zu machen: Zeit.

Freunde, Bekannte und Kollegen fragen mich häufig, ob mir das ständige Bahnfahren nicht auf die Nerven geht. Wer mir per twitter folgt, weiß, wie sehr mir Verspätungen, technische Fehler und vor allem einige Mitarbeiter der Bahn auf die Nerven gehen, und trotzdem fällt die Antwort eindeutig anders aus, als Manche das vermuten: Nein, ich liebe das Bahnfahren. Weil es mir die Möglichkeit gibt, meine Gedanken zu ordnen. Zu reflektieren. Nachzudenken. Und nach Lösungen für Probleme zu suchen, die ich sonst nicht sehe. Diese – in der Regel gut drei Stunden – am Tag sind die Produktivsten überhaupt. Auch wenn ich bisweilen keinen fühlbaren Output generiere. Dafür aber finde ich wieder zu mir und erkenne, was wesentlich ist, und was nicht. Ich schaffe Grundlagen.

Ich möchte den Lauf der Dinge nicht aufhalten. Und selbst wenn: Es gibt kein Zurück mehr. Unsere Enkel werden über unser lächerliches Tempo lachen. Wahrscheinlich werden sie bis dahin nicht mehr in Echtzeit kommunizieren sondern in die Zukunft reisen und somit die Gegenwart zur Vergangenheit machen. Sie werden anders arbeiten, anders denken, anders fühlen.

Ein ehemaliger Chef von mir gab mir einst den Rat, auf keine Mail sofort zu antworten, sondern mindestens 20 Minuten zu warten. Eventuell könnte mein zweiter Gedanke, der weniger impulsiv und emotional ausfällt und von wesentlich mehr Ratio geprägt ist, besser sein als der Erste. Ich habe sehr lange nicht mehr daran gedacht. Schnell war mir nicht schnell genug. Ich wollte immer sofort auf alles eine Antwort haben. Und habe mich oft hinterher geärgert, dass meine Antwort nicht die Bestmögliche war. Darum nehme ich mir vor, in Zukunft „Echtzeit“ weiter zu definieren, als ich es bisher getan habe. Und mehr Verständnis zu haben, wenn „sehr schnell“ ein wenig länger braucht.

Wie twitter die Entstehung von Nachrichten verändert

13. Juli 2009 | Gelesen | 3 Kommentare

Wie twitter die Medien und vor allem Genese einer Nachricht verändert, dokumentiert diese Graphik sehr anschaulich.

aftertwitterHier gefunden