Über das Loslassen
28. September 2009 | Geschrieben | 3 Kommentare
In den letzten Monaten habe ich gute Musik gehört. Auch wenn wir seit Jahren den Tenor vernehmen, dass früher – auch musikalisch – alles besser war: 2009 stellt ein gutes – fast herausragendes – Jahr dar. Das hat nicht unbedingt etwas mit den aktuellen Veröffentlichungen zu tun, sondern vor allem damit, dass ich losgelassen habe.
Erstmals seit dem Jahr 2000 habe ich seit Mai dieses Jahres beruflich nichts mehr mit Musik zu tun. Im Vorfeld befürchtete ich, ich könnte den Anschluss verlieren, einige Perlen würden an mir vorbeiziehen, ich würde nur noch Massenware hören, die ich aus dem „Musik-Fernsehen“ oder Radio kenne. Nun, es ist nicht so. Oder: Ich empfinde es als nicht so. Vielmehr nehme ich Musik, die mir gefällt, bewusster wahr. Es ist nun kein Problem mehr, ein Album mehrere Wochen lang in Endlosschleife zu hören. Früher war das nicht möglich, da sich auf dem Schreibtisch ein Turm an CDs anwuchs und „verarztet“ werden musste. Jeden Tag ein Album. Das war mein Pensum, die Pflicht. Und wenn eine Scheibe so richtig gut war, nahm ich sie mit ins Auto – oder in den Jahresurlaub.
2001 arbeitete ich als Sportjournalist. Kurz zum Hintergrund: Neben Musik ist Fußball meine große Liebe. Also saß ich jeden Samstag und Sonntag in der Redaktion – selten im Stadion – und schrieb – möglichst neutral, wie der FC Bayern Spiele gewann oder verlor. Mein eigentlicher Beweggrund, warum ich Sportjournalist werden wollte, die Liebe zum Spiel, ging in dieser Zeit fast verloren. Mit jedem Interview, das ich führen durfte, verloren die Spieler und Trainer an Bedeutung für mich. So kam es, wie es kommen musste: Ich zog die Reißleine und wurde wieder Fan – ausschließlich. Plötzlich war es wieder in Ordnung, ja sogar erwünscht, bei einem Tor zu jubeln oder vor Wut zu schreien. Ja, das ist es doch, was Sport ausmacht: Emotionen.
Nun merke ich, dass diese Gelassenheit auch in Sachen Musik allmählich zurückkehrt. In den letzten neun Jahren haben ich wahrscheinlich an die 150 Konzerte besucht – besuchen müssen. Wenn ich genau darüber nachdenke, dann kann ich mich an zehn erinnern, die mir etwas gegeben haben. Wenn ich überlege, wie viele CDs ich in den letzten neun Jahren gehört habe – hören musste, dann ist es kein Armutszeugnis gegenüber der Musikindustrie, dass davon nur 30 oder 40 hängenblieben. Ich selbst war einfach nicht mehr aufnahmefähig. Und jetzt stelle ich wieder fest, wie schön Gitarren klingen können, auch wenn sie ihren Weg in meinen Gehörgang nicht sofort finden. Ich habe Zeit und Muße für eine zweite oder sogar dritte Chance. Wie oft habe ich sie in den letzten Jahren verwehrt? Was alles habe ich verpasst!
Ja, ich habe es geliebt, dass mein Hobby mein Beruf war. Aber es war eben irgendwann auch ein Beruf und kein Hobby mehr. Ein Teufelskreis. Aus dem ich ausgebrochen bin. Vielleicht gehört das dazu, wenn man erwachsen wird. Erwachsen werden muss.
